DesignQueens' Issue

Sich das Leben zusammen collagieren

Carina Iten

Yael Anders ist Kreativschaffende in Zürich und bewegt sich mit ihren Projekten zwischen Illustration und Grafik, Produktdesign, Fotografie und Kunstvermittlung. Sie in eine konkrete Sparte zu drücken, wäre nicht möglich und auch nicht richtig, denn Werte wie Flexibilität, Vielseitigkeit und Offenheit prägen eine neue Arbeitskultur. Im Gespräch mit fempop erzählt Yael wieso die Freiheit in ihrem Job das Schwierigste und Schönste zugleich ist und wie sie sich ihren Alltag zusammen collagiert.

Liebe Yael, ich habe dich das erste Mal an einer Messe angetroffen, als mich deine von Hand verzierten Vasen total fasziniert haben. In deiner Arbeit verbindest du mit Design, Fotografie, Grafik, Schmuckdesign, Lettering und Handarbeit ganz verschiedene Bereiche und Facetten – wie wichtig ist diese Vielfältigkeit für dich und dein Schaffen?
Ja stimmt, das war am Criterion 2019, an dem ich durch ein Förderprojekt der ZHdK teilnehmen konnte und wir zum Glück ins Gespräch kamen. Die Interdisziplinarität ist mir enorm wichtig und gibt mir sehr viel, da sich die Teilbereiche jeweils auch gegenseitig weiterbringen oder helfen. Anfangspunkt ist jedoch immer derselbe: Die Illustrationen in meinen Agenden, die ich als Sammlung und mobiles Moodboard immer dabeihabe. Wenn mir im Alltag etwas Interessantes begegnet, entstehen grob Formen oder Ideen, die ich darin skizziere.

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Ich habe das Gefühl, unsere Gesellschaft löst sich langsam aus festen und starren Strukturen – auch auf beruflicher Ebene. Mit deiner kreativen Arbeit gehst du seit Anfang an einen unkonventionellen Weg und nimmst damit eine inspirierende Vorreiterrolle ein. Siehst du das auch so und wie gehst du persönlich mit Strukturen um?
Vielen Dank für diese schöne Umschreibung. Unsere (westlichen) Arbeitsnormen sind definitiv im Wandel. Vollzeitstellen gelten vermehrt als veraltet und neue Kombinationsmodelle zwischen Selbständigkeit und Teilzeitjob etablieren sich. Natürlich spielt hier die Digitalisierung eine essentielle Rolle. Eine Freundin, die etwa 30 Jahre älter ist als ich, hat mal gesagt: “Du bist für mich der Inbegriff von einer neuen Arbeitsbegrifflichkeit.” Wahrscheinlich, weil ich parallel immer verschiedene Projekte am Laufen hatte und mir so meinen Alltag zusammen collagierte. Ich verstand nicht ganz, was sie meinte, da für mich mein Werdegang immer relativ logisch war und nicht unbedingt mutig oder “crazy”. Aber ich habe mich immer auf meinen eigenen Weg konzentriert und mich wenig von gesellschaftlichen Normen oder Erwartungen ablenken lassen. Wenn ich dadurch andere inspirieren kann, freut mich das extrem.

In der Selbständigkeit ist das Schwierigste das Schönste zugleich: die Freiheit. Sich selbst Strukturen zu setzen und den eigenen Alltag selbstbestimmt planen zu können, nehme ich als eine enorme Ermächtigung wahr, die mich gleichzeitig auch fordert.

Mittlerweile habe ich für mich eine gute Balance zwischen zu wenig und zu viel Struktur gefunden. Ich denke, Strukturen sollten generell in einer Balance stehen, damit sie nachhaltig bestehen können.

2020 war ein aussergewöhnliches Jahr, wie hast du dieses erlebt und wie haben sich die Umstände auf deine Projekte und dein Schaffen ausgewirkt?
Das Jahr hat vieles neu strukturiert, die Solidarität in der Gesellschaft war im Frühling 2020 deutlich zu spüren, so wie ich das noch nie erlebt habe.

Auf individueller Ebene war das Jahr für mich eine riesen Chance für neue Freiräume und gefühlt 100% mehr Zeit. Endlich fand ich Raum, die Wand in meinem Atelier herauszuschlagen und mein Studio am Limmatplatz, in dem ich mit Kim Pham arbeite, neu zu gestalten. Ich bin mir bewusst, dass ich aus einer sehr privilegierten Perspektive spreche und das Jahr für Viele das Gegenteil einer Chance bedeutete.

Sind daraus auch neue Projekte entstanden?
Mein Studioumbau sowie der Ato-Automat an der Limmat.

Der Ato-Automat ist eine Art Selecta-Automat für Designliebhaber*innen. Der Automat wirft per Knopfdruck und gegen Bargeld Designstücke wie Schmuck, Aschenbecher oder Thermosflaschen raus. Hinter dem Projekt auf dem Dynamo-Areal steht die Schaustelle, eine Plattform für Projekte, die gesellschaftliche Impulse aufnimmt und so Diskussionen in Gang setzt.

Was gibt dir in unsicheren Momenten Halt und Vertrauen?
Mein engstes Umfeld und mein Vertrauen darauf, dass alles gut kommt.

Was kann uns Kreativität in schwierigen Zeiten geben?
Kreativität kann Freiräume schaffen und uns andere Perspektiven aufzeigen.

Im Atelier von Yael Anders und Kim Pham

Wer oder was inspiriert dich zurzeit?
Mein Zuhause. Ich wohne mit dreizehn Mitbewohner*innen in einem grossen Haus, in dem wir momentan viel mehr Zeit verbringen als sonst. Wir haben im Frühling letztes Jahr verschiedene Skillsharing Workshops organisiert und uns so gegenseitig verschiedene Skills beigebracht.

Du hast einen unverkennbaren Stil, den man vor allem bei deinen Vasen und dem Planner erkennen kann. Wie hast du deinen ganz persönlichen Ausdruck gefunden?Für mich hatten die vorlinierten Agenden im musischen Gymnasium in Zürich zu wenig Freiraum. Ich wollte eine Agenda mit viel Platz für eigene Strukturen und gestaltete meine erste eigene Edition. Das war ca. 2012 und die Auflage war damals etwa so hoch wie die Anzahl Schüler*innen in meiner Klasse. Die Editionen wurden jährlich etwas professioneller, da ich durch mein Studium an der ZHdK Know-How in das Projekt leiten konnte. Seither sind die Auflagen auch etwas gestiegen. Heute gehen mehrere hundert Personen mit meiner Agenda durchs Jahr. Das ist für mich ein sehr schöner Gedanke.

Das Agenda-Projekt, welches sich durch das Medium automatisch jährlich wiederholt und für mich auch meinen ursprünglichen Zugang zu Gestaltung definiert, ist meine wichtigste Grundlage für alle Projekte, die ich mache.

Yael Anders’ PLANNER

Du setzt dich für feministische Themen ein und warst auch beim Frauenstreik aktiv. Uns tangiert das Thema alle, wieso liegt es dir persönlich so am Herzen?
Ich möchte für Chancengleichheit einstehen, weil alle das Recht darauf haben und ich mich solidarisiere mich mit Personen, die das aus strukturellen Gründen nicht haben.

Feminismus ist für mich auch ein Zugang zu Reflexion über Gesellschaft, Strukturen und Privilegien.

Aber ganz ehrlich: Ich finde, ich mache viel zu wenig und würde so gerne viel aktiver sein! Ich denke, ich habe meinen Ansatzpunkt noch nicht ganz gefunden und bin aber optimistisch, dass ich diesen bald finden werde.

Wie können Design und Kunst diesen Diskurs fördern?
Kunst und Design können sich inhaltlich mit Rassismus, Feminismus oder Chancengleichheit etc. auseinandersetzen und diese Themen medial aufbereitet an ein Publikum herantragen – zum Beispiel durch Werke in Museen oder Ausstellungen aber auch in Design Projekten.

Und Design kann, sofern das gewünscht ist, politischen Inhalten eine zugängliche und ästhetische Gestaltung geben.

Die Welt in der du dich beruflich bewegst, ist immer noch sehr von Männern dominiert. Wie nimmst du das wahr?
Ich passe irgendwie in kein klares Berufsfeld rein, daher kann ich nicht gut messen, wie dieser fluide Bereich dominiert ist. Aber sonst sind in Design und Kunstgeschichte momentan schon ein Grossteil der berühmten Personen Männer. Das ändern wir aber jetzt!

Wie sieht eine ideale Welt im Jahr 2050 aus?
Ich träume von mehr Chancengleichheit und mehr Zeit und Raum für Experimente.

Mehr zu Yael findet ihr unter www.yaelanders.ch!

Photocredits: Thibault White