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Chile’s Trap-Tastic Teens

Stefanie Bracher

Spätestens nach Despacito ist Reggaeton ein Begriff für Herr und Frau Schweizer. Dieser unverkennbare Grundrhythmus, der zum Tanzen animiert, prägt sich ein. Ob man diesen mag, ist natürlich eine andere Frage. Reggaeton ist wichtiger Bestandteil der urbanen Musikszene in Lateinamerika. Doch die Konkurrenz naht. Der kleine Cousin von Rap und Elektro macht sich unter den Jugendlichen breit: Bühne frei für Trap. Ein Musik-Genre mit frechem Charakter, das der Latino-Jugend aus der Seele spricht. Es nimmt kein Blatt vor den Mund, beeinflusst Mode und Attitüde, schockiert Eltern und legt die Probleme der Teenager an den Tag. Ich schaue mir in Chile diese Szene etwas genauer an und erfrage im Gespräch mit Jugendlichen, was die Faszination für Trap ausmacht und wie die Position der Frau in diesem Genre aussieht. Ab in den Trap-Zirkus!

Puerto Rico hat den Startschuss für lateinamerikanischen Trap gegeben, ursprünglich kommt der Musikstil jedoch aus den Südstaaten der USA. Ein Sound, der in den 90ern in Atlanta entstand. Erkennbar durch die den langen, tiefen Basstöne, schleppenden Hip-Hop-Beats und die “herunter-gepitchten” Vocals. Nun hat sich diese Musikrichtung als Lifestyle auf dem ganzen amerikanischen Kontinenten etabliert und wird von den Jugendlichen zelebriert und verkörpert – sei es auf den Strassen oder in den Clubs.

Ich suche das Gespräch mit jungen Künstlerinnen und Künstlern und während meiner Recherche stosse ich auf Akai, ein Trap-Künstler, der auch die Illustrationen zu diesem Artikel beisteuert. Er erzählt mir: “Viele von uns wachsen in einfachen Vierteln auf, Gewalt und Kriminalität gehören zum Alltag. Doch mit Trap kann man produktiv sein. Man kann sich quasi ablenken und über gewisse Themen schreiben anstatt diesen nur nachzugehen. Trap ist real und ehrlich. Deshalb fühlen sich Jugendliche damit verbunden.”

In Chile, ein sogenanntes Schwellenland, in dem 50% der Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten und die Hauptbetroffenen davon junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren und Frauen ohne abgeschlossene Ausbildung sind, suchen Kids ein Bündnis mit der Musik. Themen wie Drogenkonsum, Saufpartys oder sonstige Teenager-Eskapaden, aber auch Liebeskummer oder Gewalt in der Beziehung, werden behandelt. Trap ist eher düster und weniger “sexy” als Reggaeton. Auch bietet Trap im Gegenzug zu Reggaeton den Frauen einen eigenständigen Platz: Sie beeinflussen das Genre stark, sind anführende Protagonistinnen.

Paloma Mami

Die in New York geborene Paloma Mami mit chilenischen Eltern ist aktuell die meistgehörte Chilenin auf Spotify. Die 19-Jährige wurde über Nacht zum Star, ist heute ein regelrechtes Phänomen und macht Trap. Ihre farbigen Acryl-Fingernägel sowie der sexy 90er Tomboy-Look dirigieren nun die Mode der jungen Frauen im Land. Lieder wie no te enamores de mi (= Verliebe dich Nicht In Mich) sind Hymnen an das neue Selbstbewusstsein der weiblichen Teenies: Seid frei und unabhängig!

Akai betont aber, dass es immer noch nicht einfach ist für Frauen: “Wir erleben einen sozialen Wandel durch den Feminismus. Jegliche soziale Veränderungen reflektieren sich immer in der Musik. Wenn sich die Gesellschaft verändert, verändert sich auch die Musik und umgekehrt. Junge Frauen unterstützen sich untereinander und ermächtigen sich gegenseitig. Stereotypen und Stigmatisierungen werden aufgebrochen.”

Princesa Alba

Princesa Alba, eine andere junge Musikerin, die mit einem Song via YouTube über 1 Million Klicks erreichte und dadurch bekannt wurde, wurde zum Opfer dieser Stereotypen und Stigmatisierung – und wurde auf Grund ihrer “hässlichen” Brüsten in den sozialen Medien übel beschimpft. In einem Interview mit The Clinic, klagt sie, dass Jungs Musik machen können ohne nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden. Junge Frauen hingegen müssen zuerst den Gut-Aussehen-Test bestehen.

Ja, Lateinamerika ist stark vom Patriarchat geprägt; und ja es stimmt: Frauen und ihre Körper werden in der Musik nach wie vor objektifiziert. Die feministische Welle trägt jedoch zur Liberalisierung des Frauenkörpers bei.

Die Feministin Princesa Alba findet, dass es wichtig sei, gewisse Forderungen in den Texten wiederzugeben. Im Song Diamantes spricht sie über Belästigung auf Parties. Etwas, das heute immer noch normalisiert wird. Dazu tausche ich mich auch mit Meikiss Latina aus, die bereits als 11-Jährige ihre ersten Rap-Zeilen geschrieben hat. Sie bestätigt, dass Frauen noch häufig als Objekt gesehen und porträtiert werden. Doch genau deswegen sei die aktuelle feministische Bewegung so wichtig: “Mich stört es nicht, dass Jungs uns teil sexistisch adressieren; solange es aber auch keinen kratzt, wenn auch wir die Jungs als sexuelle Objekte darstellen. Deshalb ist Gleichstellung wichtig. Auch ich kann der Boss sein!”

Meikiss Latina

Auf den ersten Blick scheint die Trap-Welt hart zu sein. Taucht man tiefer ein, erkennt man Teenager, die ein Ventil für ihre Sorgen und Emotionen suchen – und finden. Ausgelebt werden diese in hohen Plateauschuhen, neonfarbigen Radlerhosen, Champion Hoodies und mit extravaganten Fingernägeln. Und ja, es wird gefeiert, geflucht, aber auch hinterfragt und erklärt. Beim genaueren Zuhören merkt man: Trap widerspiegelt das Gefühl einer Generation. Geprägt vom sozialen Wandel, wird dieser Musikstil nicht nur von Bad Boys, sondern auch von frechen Mädels und Softies dominiert.