Power IssueZeitgeist

The Power of Being (With) Me

Cécile Moser

Diese Abhandlung ist eine persönliche. Sie handelt vom glücklichen Alleinsein, und damit einhergehend vom noch glücklicheren Zusammensein.

Für Rahel, Carina, Christine, Sabi und Caroline

Morgen werde ich 32 Jahre alt. Auch wenn diese Zahl für mich keine Bedrohung darstellt, so tut sie es in Bezug auf andere und in Zusammenhang mit meinem Beziehungsstatus nicht selten. Denn Single Shaming gegenüber Frauen in den 30ern liegt an der Tagesordnung. Als Frau in den 30ern ein glücklicher Single zu sein, ist an sich in unserer Gesellschaft bereits schon ein rebellischer Akt. “Weisst du, gerade Frauen mit akademischem Hintergrund und hohem Bildungsabschluss haben es besonders schwierig”, wird einem etwa immer wieder gesagt, oder um Liebe und Beziehungen von der statistischen Seite her zu lesen. Jüngst wurde ich gar von einer Hochzeit ausgeladen. Auch wenn die Braut bestreiten würde, dass dies mit meinem Beziehungsstatus zusammenhängt, so spielt es dennoch eine grosse Rolle. Ich will es euch erklären.

Wenn man sich als Frau im gebärfähigen Alter nimmt, was einem gefällt, sein Leben geniesst, unabhängig vom vorherrschenden Liebeskonzept, stellt das für viele eine Störung in ihrem System dar. Etwas, das sie nicht einordnen können, ja geradezu eine latente Provokation und ein Rütteln an ihrem Weltbild. Ich wage zu behaupten, dass die stetige Angst, dass man ihnen ihren perfekten Partner wegnehmen könnte, von dem ja ihr gesamtes persönliches Glück abhängt – kein geringes Risiko –, hier ebenfalls eine Rolle spielt. Da ist ja diese biologische Uhr, das gesellschaftliche Bild, dem man entsprechen müsste. Es müsste doch dieser eine Mensch geben, mit dem man alles teilt und jeden Schritt plant. “Du bist eben einfach zu wählerisch”, okay. Wenn es um einen Menschen geht, mit dem man den Rest seines Lebens zu verbringen plant (ob dem dann wirklich so ist, sei natürlich ebenfalls dahingestellt), sollte man dies vielleicht auch. Oder auch den Mut haben, aus alten Beziehungen auszubrechen, wenn es einfach nicht mehr stimmt. Und ein Fakt, der auch immer wieder vergessen geht: Es gibt nicht nur eine Beziehung, die einen ausmacht und wichtig ist im Leben. Gute Freundschaften sind genauso wichtig und sollten einen stets begleiten.

Sich von Angst leiten zu lassen, hat einen noch nie weiter gebracht. Und wer diese mal überwunden hat und an den Punkt gekommen ist, wo man glücklich allein sein kann, unabhängig von einem Gegenüber, stellt fest: Das ist eine unglaubliche Power.

Glücklich allein zu sein, kann eine bewusste Entscheidung sein, die man in vollen Zügen geniesst. Das Single-Sein auch nicht als kurze Zwischenphase zu verstehen, bis man denn wieder jemanden gefunden hat, sondern einfach als wertvollen Ist-Zustand, wo man selbst mit seinen Bedürfnissen ganz im Zentrum stehen kann. Denn wir wissen es alle, wenn wieder eine Beziehung ins Leben tritt, nimmt das viel Raum ein, und man muss kürzer treten. Und ein ebenfalls weit verbreiteter Trugschluss: Das Leben ist mit Ende 20 nicht vorbei. Wer es schafft, das Leben als etwas Ganzheitliches zu verstehen, mit verschiedenen Phasen und Abschnitten, eventuell auch mit verschiedenen Partner*innen je nach Phase, befreit sich selbst. Von Zwängen, von gesellschaftlichen Normen. Jedenfalls möchte ich nicht mein gesamtes Single-Dasein nutzen, um nach einem Partner zu suchen, auch wenn Dating ganz lustig sein kann und man auch viel über sich selbst lernt. Schliesslich gibt es da auch noch dieses Universum und ein bisschen Vertrauen ins Leben und in Dinge, dass es dann eben schon so kommt, wie es muss. Das Leben als etwas Fliessendes in Bewegung zu verstehen, kann unglaublich befreiend sein. Und wir leben leider in unsicheren und unberechenbaren Zeiten – ein Gefühl, das durch eine Pandemie auch nicht gerade vermindert wird. Vieles ist ungewiss, und was immer wieder bleibt, ist das zurückgeworfen sein auf sich selbst – Beziehung hin oder her.

Insofern denke ich, ist the power of being with me heutzutage eine der grössten Stärken überhaupt. Und, um hier nochmals eine Prise Feminismus ins Spiel zu bringen, ist dies für eine Frau gesellschaftlich gesehen ein weit grösserer Kraftakt. Ein 32-jähriger Single-Mann wird als selbstbestimmt und erfolgreich bewertet, eine Single-Frau im selben Alter wird stigmatisiert: Entweder als jemand, der ja eigentlich doch nur dem heteronormativen Märchen hinterherjagt und daher alleine gar nicht glücklich sein kann (in diesem Weltbild existiert keine glückliche Single-Frau) oder als jemand, der schlichtweg zu wählerisch und zu anspruchsvoll ist, und “deshalb keinen abbekommt”.

Aber bitte, versteht mich nicht falsch, dies soll keinesfalls eine Liebesverweigerung sein. Im Zentrum stehe schliesslich ich, und geliebt zu werden und auch zu lieben, ist ein schönes Gefühl. Und genau das wird richtig gut und schön, wenn man sein Glück nicht vom Gegenüber abhängig macht, sondern eben einfach selbst weiss, wie man sich glücklich machen kann.

In diesem Sinne: Auf die Liebe!