Lockdown IssueZeitgeist

Pay Me What You Owe Me

Noemi Grütter

Alles fühlt sich neu an, unglaublich, überwältigend, beängstigend – nicht auszuhalten. Gleichzeitig fühlt es sich an, als wären wir in einem alten wiederkehrenden Traum. Die Szenen kennen wir von irgendwo: Filme, Blockbusters, Science-Fiction Szenen. Die Entwicklungen kommen so schnell, dass es schwer ist zu erkennen, wie radikal sie sind. Zeiten des Umbruchs sind Zeiten der Veränderung. Einige glauben, dass die Pandemie eine einmalige Chance für die Erneuerung der Gesellschaft und den Aufbau einer besseren Zukunft ist. Andere fürchten, dass sie bestehende Ungerechtigkeiten nur noch verschlimmern könnte. Was für alle klar ist: Die Pandemie reisst das Gewebe der Normalität auf.

Denk dich ein paar Wochen zurück und stell dir vor, jemand sagt dir Folgendes: Innerhalb eines Monats werden die Schulen geschlossen. Fast alle öffentlichen Versammlungen werden abgesagt. Du kannst nicht mehr die Nächte in Clubs durchtanzen. Und nein, du kannst auch nicht mit deinen Freund*innen Wein trinken gehen. Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt werden arbeitslos sein. An bestimmten Orten werden Vermieter*innen keine Miete oder Banken keine Hypothekenzahlungen eintreiben, und Obdachlose werden in einigen Städten kostenlos in Hotels wohnen dürfen. Es gibt erste Experimente für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Krisen wie diese offenbaren aber auch, was in einer Gesellschaft defekt ist.

Es ist nicht nur der Umfang und die Geschwindigkeit dessen, was geschieht, was schwindelerregend ist. Es ist die Tatsache, dass wir uns daran gewöhnt haben, dass Demokratien eigentlich nicht in der Lage sind, grosse Schritte wie all diese zu machen. Aber jetzt sind wir hier. Und wir machen riesige Schritte. Jeder Blick in die Geschichte zeigt, dass Krisen und Katastrophen immer wieder den Grundstein für Veränderungen gelegt haben, oft zum Besseren. Krisen wie diese offenbaren aber auch, was in einer Gesellschaft defekt ist.

Seit Einführung der Ausgangssperre haben bei der Polizei in Frankreich die Anrufe wegen häuslicher Gewalt um 30 Prozent zugenommen. Seit der Schliessung von Schulen und der Einführung von Home-Office wissen alle, was Kinderbetreuung wirklich bedeutet. Seit der Überlastung des Gesundheitswesens vergöttern wir Pflegefachfrauen. Seitdem nur noch Supermärkte offen sind, schätzen wir jede einzelne Verkäuferin. Kita-Betreuerin, Pflegefachfrau, Verkäuferin: Frauen machen 70 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen weltweit aus. Zwei Drittel der Angestellten im Detailhandel sind weiblich. In 60% der Paarhaushalte in der Schweiz wird die Hausarbeit hauptsächlich von der Frau erledigt, bei 6% ist hauptsächlich der Mann zuständig. Der Monatslohn vom Chef der Zürcher Kantonalbank ist 30-mal höher als derjenige einer Pflegefachperson.

Der Beifall von Balkonen ist erfreulich, doch Klatschen reicht nicht. Es braucht mehr, viel mehr.

Doch es sind genau sie – die Pflegefachfrau, die Verkäuferin, die Kita-Betreuerin – die den Grossteil der Corona Pandemie bewältigen und die Gesellschaft und Familien am Laufen halten. Der Bundesrat hat sich persönlich bei ihnen bedankt. Zehntausende Menschen klatschen in der Schweiz für sie. Der Beifall von Balkonen ist erfreulich, doch Klatschen reicht nicht. Es braucht mehr, viel mehr – wir könnten zum Beispiel mit Lohngerechtigkeit beginnen. Frauen verdienen nicht nur weniger im Durchschnitt, sie sind auch übervertreten in Dienstleistungsbranchen, Branchen die von Covid-19 besonders stark betroffen sind und Branchen die im Vergleich sowieso schon schlecht bezahlt sind. Der gegenwärtige Notstand wird unverhältnismässig grosse wirtschaftliche Auswirkungen für Frauen haben.

Vielleicht werden wir radikaler, konsequenter und progressiver denn je für die Gleichstellung von allen einstehen.

Katastrophen und Notfälle werfen nicht nur Licht auf die Welt, wie sie ist. Sie reissen auch das Gewebe der Normalität auf. Durch das Loch, das sich öffnet, blicken wir auf Möglichkeiten anderer Welten. Jede Katastrophe ist anders und Verlust und Gewinn existieren immer nebeneinander. Erst im Nachhinein werden die Umrisse der neuen Welt, in die wir eintreten, deutlich werden. Die Hoffnung liegt darin, dass wir nun den Mut haben und beginnen, die Welt anders zu sehen. Vielleicht beginnen wir, unsere Probleme als geteilt zu betrachten. Vielleicht können wir die Gesellschaft als mehr als nur eine Masse von Individuen, die miteinander um Reichtum und Ansehen konkurrieren, sehen. Vielleicht verlangen wir nun von Regierungen konsequenter ihrer ursprünglichen Verantwortung zum Schutz von Bürger*innen gerecht zu werden. Vielleicht akzeptieren wir Ungerechtigkeiten wie das enorme Lohngefälle zwischen Banken CEOs und Pflegefachfrauen schlicht und einfach nicht mehr. Vielleicht werden wir radikaler, konsequenter und progressiver denn je für die Gleichstellung von allen einstehen.

Es fühlt sich seltsam an – denn die letzten Wochen haben die Tatsache offenbart, dass sich die grössten Dinge immer und jederzeit ändern können. Diese einfache Wahrheit, die sowohl destabilisierend als auch befreiend wirkt, kann leicht vergessen werden. Liebe Menschen, wir sehen uns keinen Film an, wir schreiben einen. Gemeinsam, bis zum Ende. Überlege dir, was für ein Ende du willst.

Photocredit: Noemi Grütter