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Die Frau im Anzug

Lina Kunz

In der Zeit der Pandemie steht die Welt Kopf. Das tut sie auch im Film Je ne suis pas un homme facile (FR/2018), denn dort werden die Geschlechterrollen komplett getauscht. Welche Lehren können daraus für uns Feminist*innen gezogen werden?

Morgens findet Damien in seinem Kleiderschrank ausschliesslich Blusen mit Blumenmuster, bauchfreie Tops und Jupes vor. Seine Jeans und T-Shirts sind verschwunden. Ein Streich der Frau von vorletzter Nacht, mit der er durch seine chauvinistische Art in einen Streit geraten war? Auf der Strasse vor seiner Wohnung komplementiert ihn eine Vorbeilaufende im Anzug für sein “bon sourire”. Damien ist verwirrt, denn so etwas ist ihm noch nie passiert. Normalerweise ist er derjenige, der den schönen Frauen nachpfeift. Angekommen im Büro sind alle gutbezahlten Mitarbeiter über Nacht mit Frauen ausgewechselt worden. Im Büro seiner Chefin, wird im weisgemacht, dass sein Projekt leider an eine minder kompetente Kollegin abgegeben wurde. Damien ist entsetzt. Seine Verärgerung steigt ins unermessliche, als ihm seine Vorgesetzte andeutet, dass er mit Oralsex ihre Meinung allenfalls ändern könnte.

Je ne suis pas un homme facile zeigt mit viel französischem Charme die realen Gesellschaftsstrukturen auf und schafft damit den Spagat zwischen Augenzwinkern und Systemkritik. In dieser Parallelwelt wird einem die Realität und Absurdität des Patriachats bewusster denn je.

Im Film Je ne suis pas un homme facile von der französischen Regisseurin Éléonore Pourriat stehen die Geschlechterrollen Kopf. Der Supermacho Damien erfährt am eigenen Leib, wie es sich als Frau in der heutigen Gesellschaft lebt und lernt so auf die harte Tour die andere Seite des Patriachats und seiner Privilegien kennen. Pourriat lässt ihn und seine Mitmänner die weiblichen Stereotypen komplett übernehmen: Die Männer tragen Hotpants, werden als zu wenig durchsetzungsfähig abgestempelt und wenn Damian mit dreissig noch immer Single ist, macht sich sein Vater langsam Sorgen um ihn. Der Film zeigt mit viel französischem Charme die realen Gesellschaftsstrukturen auf und schafft damit den Spagat zwischen Augenzwinkern und Systemkritik. In dieser Parallelwelt wird einem die Realität und Absurdität des Patriachats bewusster denn je.

Supermacho Damien in Je ne suis pas un homme facile

In der Zeit der Pandemie sehe ich als Feministin weit mehr als Patriarchatkritik im Film Je ne suis pas un homme facile. In einer Zeit, in der die Welt Kopf steht, alltägliche Bahnen verlassen werden und viele Aspekte neu gedacht werden müssen, scheint eine gleichberechtigtere Alternativwelt möglicher. Ich frage mich: Wie wäre es, die Geschlechterrollen von den Machtstrukturen bis hin zu den Modetrends komplett zu vertauschen? Natürlich wäre eine solche Parallelwelt keinesfalls wünschenswert und auch die Regisseurin Éléonore Pourriat hatte kaum die Absicht, für ein Matriarchat zu werben. Was wir im Film sehen, ist das überspitzte Gegenteil der heutigen Realität und damit ein Ungleichgewicht in die gegensätzliche Richtung. Vom Patriarchat direkt in ein Matriarchat überzugehen führt am eigentlichen feministischen Ziel, der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, fadengrad vorbei. Trotzdem können extreme Forderungen, die Geschichte zeigt es, die gewünschte Veränderung schneller herbeiführen.

Wenn Frauen in Männerrollen überpräsent sind, regt das zum Umdenken an und das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wird reduziert.

So hat der Kommunist Karl Marx mit seinem Werk in den meisten europäischen Ländern nicht einen kommunistischen Staat herbeigeführt, dafür aber den heutigen Sozialstaat entscheidend vorangetrieben. In Marx’ Fall war das zwar nicht so beabsichtigt, aber sein Beispiel zeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, sich für das Extreme einzusetzen, wenn man ein Ziel irgendwo in der Mitte anpeilen möchte. Doch wie könnte dieser Einsatz aussehen und wo macht er Sinn? Ich denke an Gesellschaftsbereiche, in denen es besonders viel Nachholbedarf gibt. Die Leitung eines Musikfestivals könnte für einmal ausschliesslich Musikerinnen buchen oder ein Politikpodium könnte nur Politikerinnen mitdiskutieren lassen. Wenn Frauen in Männerrollen überpräsent sind, regt das zum Umdenken an und das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wird reduziert.

Die Frauen in Je ne suis pas un homme facile tragen farblose Anzüge, machen flache, sexistische Witze auf Kosten der Männer und spielen ihre Machtpositionen aus. Kurzum leben sie “Toxic Masculinity” im Körper der Frau. Das ist amüsant im Film, doch genügt einem feministischen Anspruch nach Gleichberechtigung nicht. Im Film nehmen die Frauen noch die Rolle ein, die den Männern vorbehalten ist, um die Dinge dann genau gleich zu machen. Meine Hoffnung ist, dass sie in Realität den eingenommen Raum nach ihrem eigenen Gutdünken ausstatten und ihn so gestalten, dass er nicht nur gleichberechtigter, sondern auch weiblicher wird.

Der Film Je ne suis pas un homme facile ist auf Netflix zu sehen.

Photocredit: via Netflix