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Früher war mehr Sex – schlimm?

Rahel Zingg

Es hat sich ausgesext – beklagt The Guardian die aktuelle Filmlandschaft. Sind Filmemacher_innen prüder geworden und wenn ja, wie kommen wir dennoch auf unsere Kosten?

Immer weniger Filme bekommen in Grossbritannien den Stempel FSK18 aufgedrückt. Der Grund? Zu wenig Sexszenen. Sex im Jahr 2019? Kompliziert. Dabei war es noch nie einfach. Sexsezenen im Film sind eine verhältnismässig neue Erscheinung. Kinofilme gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts, bis in die 1960er hinein durften Regisseur_innen darin Sex nicht einmal andeuten. In Hollywood galt der sogenannte Production Code, ein Sittlichkeits-Kodex, der alles zu zeigen verbot, was “niedere Instinkte” ansprach – von Nacktheit bis “lustvolles Küssen”, von Vergewaltigung ganz zu schweigen. Damit verhinderte der Code nicht nur Gewaltdarstellungen, sondern auch einvernehmliche Beziehungen zwischen Unverheirateten, Schwulen oder Lesben auf der Leinwand. Alles blieb ohne konkrete Bilder.

Berührungsängste sind zurück
Und The Guardian meint nun: Da ist es wieder. Das Unbehagen. Wie kann Sex noch gezeigt werden, bei den Missbrauchsvorwürfen, die #MeToo öffentlich gemacht hat? The Guardian vermischt hier etwas, das dringend auseinandergehalten werden sollte. Bei #MeToo ging es nie um Sexszenen. Es ging um den Machtmissbrauch am Set. Und: Sexuelle Belästigung ist kein Sex.

Dass eine vor zwei Jahren aufgeflammte Debatte, die Filmlandschaft bereits heute so nachhaltig beeinflusst hat, ist unwahrscheinlich. Zumal die Filmproduktion meist eine viel grössere Vorlaufzeit hat.

Wozu noch…?
Das Netz hat nun aber zu einer Omnipräsenz der echten Pornografie bis in die Kinderzimmer geführt, da wirkt es seltsam sinnlos, auf der Leinwand noch Tabus zu brechen. Vielleicht fehlt den Filmemacher_innen die Herausforderung? Ausserdem ist jede Nacktaufnahme heute für jede_n auf der Welt jederzeit zugänglich, nicht mehr aus dem Netz zu kriegen. Und da ist es eigentlich kein Wunder, dass immer weniger Schauspieler_innen Lust darauf haben, solche Szenen zu drehen.

All das mag dazu geführt haben, dass das Kino sich aus dem Geschäft mit den Liebesszenen zurückgezogen hat. Zurückgezogen. Nicht verschwunden. Und sowieso, wie viele denkwürdige Sexszenen fallen einem auf Anhieb ein? Nicht viele… Und das liegt eventuell daran, dass Momente lebensnah inszenierter, erwachsener, einvernehmlicher Intimtät auf der Leinwand selten sind.

Vielleicht bleibt der Filmsex lieber weg vom Fenster
Wohin auch immer sich der Filmsex gerade zurückgezogen hat, er sollte sich dort eventuell mal darüber klar werden, dass wir genug gesehen haben von merkwürdig sandstrahlgebürsteten Darstellungen und zur Norm erhobener weisser Hetererosexuaität. Wir wollen Sex, der Filmgeschichte schreibt.