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Boyzone Football Stadium: Barra Brava statt Ballermann

Thomas Moser

Rubrik: Travel. Thema: Toxische und hegemoniale Männlichkeit. Ein Bericht über Mallorcas Ballermann würde sicherlich gut hinpassen. Meine Ballerman-Erfahrung beschränkt sich allerdings auf knapp zwei Stunden, fünf Bier, ein wenig Striptease auf der Bühne und Schlagerhits gemischt mit einer Ladung Testosteron – alles bei einem kurzen Zwischenstopp auf Mallorca während einer Kreuzfahrt. Doch das ist eine andere Geschichte, und bitte fragt nicht, wieso ich auf einer Kreuzfahrt war. Das ist eigentlich nicht so mein Ding, genauso wenig wie Travel-Rubriken.
Beim Ballermann müsste ich mir dann jedoch auch die Frage stellen, wie dies mit fempop und dessen Ansichten sowie einer ansprechenden Travel-Rubrik vereinbar wäre. Würde dies nicht eine sogenannte Non-Travel-Rubrik ergeben, da man beim Zusammenbringen der verschiedenen Aspekte des Feminismus und saufenden Männern an Mallorcas Partystrand, den Leser_innen wohl eher von einer solchen Reise abraten müsste? Soviel zu meiner Konfusion. Doch ich wage es nun doch und schreibe von saufenden Männern in Fussballstadien, und wieso mich das immer fasziniert hat. Und wenn es dann doch noch ein bisschen Travel sein soll, dann ist dieser Bericht in Buenos Aires zu verorten.

Ich wurde von meiner Schwester angefragt, diesen Text zu schreiben. Seit zwei Jahren ist sie Editorin bei fempop und ihre Anfrage, endlich etwas beitragen zu dürfen, hat mich gefreut. Doch im Konzept steht: “Die unterschiedlichen Texte und Artikel widmen sich u. a. Männern, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen oder sich durch ihre feministische Arbeit auszeichnen.” Damit kann ich leider nicht dienen. Die Protagonisten in meinem Text sind wohl nicht so die Vorzeige Männer. Doch ich möchte eine Lanze brechen für den Fussballfan, und dessen Faszination – oder zumindest meine eigene ein wenig erläutern. Und wieso ich es jeder aufgeklärten Feministin (und jedem aufgeklärten Feministen!) empfehle, sich einmal ein Fussballspiel anzuschauen – zumindest in Buenos Aires.

Angefangen hat alles mit einem Ball am Fuss als kleiner Junge. Ich habe unendlich viele Stunden selbst Fussball gespielt und war vom Spiel fasziniert sowie von allem drum herum: Panini-Bilder, Fifa auf der PlayStation zocken und den obligaten Besuch im Fussballstadion inklusive. So entwickelte sich eine Leidenschaft, die bis heute anhält – nicht mehr ganz so ausgeprägt, jedoch immer wieder aufflammend. Als ich mit 19 Jahren ein Zwischenjahr einlegte, zog es mich nach Buenos Aires. Einer der Hauptgründe: Ich wollte mir Fussball in Argentinien anschauen. Die Stimmung und Fankultur soll in dem Land unerreicht sein. Zudem spielte mein Lieblingsfussballer Juan Roman Riquelme zu der Zeit bei den Boca Juniors, einer der bekanntesten Fussball Clubs der Welt. Die Jungs kicken im Stadtteil La Boca von Buenos Aires. Also flog ich dahin, vor nun etwa neun Jahren. Traveller-Tipps kann ich an dieser Stelle nicht wirklich bieten – für das ist die Reise zu lange her. Palermo, ein Stadtteil von Buenos Aires, ist wahrscheinlich nach wie vor der Ort, an dem man alles findet, was das Traveller-Herz begehrt. Echt jetzt, dort ist es super. Und auch Buenos Aires ist eine wahnsinnig schöne Stadt – doch zurück zum Fussball.

Kaum war ich einige Tage in der Stadt, gab es endlich auch ein Spiel – an einem Donnerstag im Stadion von River Plate. Die Boca Juniors und Riquelme spielten erst eine Woche später zu Hause. Da musste ich mich noch ein wenig gedulden. An diesem Sommerabend im Estadio Monumental wurde ich nicht enttäuscht: Überall strahlende Gesichter, die ihre Freude und Leidenschaft teilten – der Fussball stand im Zentrum und es ging nur darum, was auf dem Spielfeld passierte – egal, wer du bist.

Eine bunte Menge an Zuschauern, mehrheitlich männlich, viele Papa und Sohn Kombos, einige alte Männer in der Arbeitskluft mit Bier in der Hand, viele Jungs, zwischen 15 und 20 Jahren, die entschlossen in die unzähligen Fanlieder mit einstimmten. Das Lebensgefühl einer gesamten Stadt kam hier zum Ausdruck – zumindest der männlichen Hälfte. Es gab auch einige weibliche Fans, in der Zahl unterlegen, in ihrer Leidenschaft den Männern aber in nichts nachstehend. Allen gemeinsam: Eine grosse Loyalität und “la Alegria”, in Deutsch etwa “die Freude”.

Gerade im letzten Herbst gab es leider wieder viele negative Schlagzeilen über den argentinischen Fussball. Das Final der Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant zur europäischen Champions League, fand zwischen den Boca Juniors und River Plate statt. Die zweit genannte Mannschaft ist ebenfalls in Buenos Aires beheimatet, also ein sogenanntes Derby – in Castellano ein „Clasico“. In diesem Fall würde man sogar von einem „Superclasico“ sprechen: dem Derby aller Derbys. Nur erlangt man so einen Ruf natürlich nicht nur mit positiven Schlagzeilen, war Boca gegen River auch immer von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fanlagern begleitet. So kam es vergangenen November dazu, dass im Rückspiel im Stadtteil Belgrano in Buenos Aires der Team Bus der Boca Juniors bei der Anreise mit Flaschen und Steinen angegriffen wurde. Die Spieler verletzten sich und das Spiel musste nach Madrid verschoben werden, weil die Sicherheit in Buenos Aires nicht mehr garantiert werden konnte. Ziemlich verrückt also. Und hier kann man wohl zu guter Recht der toxischen Männlichkeit die Schuld geben: Gewalt, Aggressivität, vulgäre Schmähgesänge, vernebelte Sinne durch Alkohol und Drogen sowie die unermüdliche Verteidigung des eigenen Territoriums durch den Mann.

Im Vergleich zum Ballermann fehlt im Fussballstadion jedoch die sexuelle Objektifizierung. Es geht auch nicht um Kommerz oder Micky Krause. Mich hat immer die distinkte Subkultur der verschiedenen Clubs fasziniert, weshalb ich mir immer lokalen Fussball auf Reisen anschauen wollte. Da lernt man viel über eine Stadt und wie deren Bewohner_innen ticken. Abseits von Champions League, Cristiano Ronaldo und Neymar gibt es sehr viel zu entdecken in der Fussballwelt. Natürlich gibt es rassistische und sexistische Vereine, genauso gibt es auch die progressiven und aufgeschlossenen Kurven. Sie sind jeweils ein Abbild ihres Viertels. Deshalb empfehle ich auch den Besuch im Fussballstadion: um zu beobachten und verschiedenste Menschen anzutreffen. Die Gewalttätigkeit darf man verurteilen, die Freude und Leidenschaft der Menschen darf man aber auch bewundern. Die habe ich am Ballermann nicht gesehen.