LITERATUR

Girl Zines –

wenn Literatur richtig „lit“ ist

Rahel Fenini

Wir leben in einer Welt, in der männliche Stimmen vorherrschen und selbstbestimmte, feministische (Frauen)Stimmen immer noch dafür kämpfen müssen, gehört zu werden. Diesem Zustand geben seit den 90er Jahren sogenannte Girl Zines Gegensteuer.  Als feministische, künstlerische Praxis sind sie Sprachrohr für alle diejenigen, die etwas zu sagen haben und es leid sind, den Mund zu halten.

 

Seit gut 17 Jahren publizieren junge Mädchen und Frauen sogenannte Girl Zines. Doch was steckt genau hinter diesen Zines? Was sind ihre Inhalte, was sind ihre Ziele?

Zines – das Wort ist abgeleitet von „Fan Magazine“ und stammt aus den 1930er Jahren, als Science Fiction Fans begannen, Geschichten auszutauschen – sind unabhängige Magazine, die nur in kleinen Auflagen erscheinen. Von ihren Herausgeber_innen selbst geschrieben, gestaltet und vertrieben, sind Zines ein perfektes Beispiel für sogenannte partizipative Medien, d. h. Medien, die von den Konsumentinnen und Konsumenten selbst produziert werden.

Anders als sonstige Magazine, die von markwirtschaftlichen Interessen geprägt sind, entstehen Zines aus Liebe - aus Liebe zur Kommunikation und zur Vernetzung von Gleichgesinnten. Geprägt von künstlerischen Techniken wie der Collage, dem Aufkommen der Do-It-Yourself-Ethik der Punk Bewegung und der Erfindung von Kopiermaschinen, sind Girl Zines meist wild gestaltete, fotokopierte „Heftli“, die mit Glitzer, Stickern und Fotos versehen sind.

Sich nur auf die unkonventionelle Aufmachung dieses Kommunikationsmittels zu fokussieren, würde den Girl Zines jedoch nicht Rechnung tragen. Zines sind nicht nur hübsche „Artifacts“, die in den Schlafzimmern von Teenagegirls entstanden sind. Ganz im Gegenteil! Girl Zines sind Ausdruck eines kreativen Protests gegen das gesellschaftliche, kulturelle und politische Korsett, das den Geschlechtern seit Jahren aufgezwungen wird. So wird in Girl Zines ein selbstbestimmter Ort geschaffen, an dem die Autor_innen frei von Konventionen und Restriktionen ihrer subjektiven Weltansicht ungefiltert Gehör verschaffen können. Persönliche Anliegen, individuelle Erfahrungen und Erlebnisse aus dem alltäglichen Leben sowie Kritik an herrschenden Gesellschaftsstrukturen, traditionellen Geschlechterrollen und Sexismus finden in den Girl Zines ihren Platz. Die feministische Grundhaltung der Herausgeber_innen wird mit anderen thematischen Schwerpunkten wie Mode, Musik, Kunst oder Popkultur – kombiniert und in Artikeln, Reportagen und Illustrationen abgehandelt. Dabei soll das Zine immer auch eine Plattform sein, auf der sich Mädchen, junge Frauen, queere und transgender Menschen mit einem Interesse an Feminismus austauschen und gegenseitig inspirieren können.

Amy Schroeder, Gründerin des Venus Zine, ein amerikanisches „women’s music magazine“ das 1995 ins Leben gerufen wurde, beschreibt den Grundgedanken ihres Zines mit den Worten: „Mein Ziel ist, ein Thema abzudecken, das nicht genug Berichterstattung bekommt – oder zumindest nicht ausreichende, seriöse und durchdachte Berichterstattung: Frauen, die Musik machen. Frauen, die führend sind, indem sie Dinge so machen, wie sie wollen. Frauen, die Zines schreiben, ihre eigenen Firmen starten, Ideen umsetzen. Frauen, die dich, die/den Leser_in, inspirieren.».

Mit diesem Credo orientiert sich Amy Schroeder an ihren Vorgängerinnen – den jungen Frauen der Riot Grrrl Bewegung, die zu Beginn der 90er Jahre in der alternativen Musikszene in Amerika entstand. Aus Wut gegenüber dem von Männern dominierten Hardcorepunk-Musikgeschäft, patriarchalen Gesellschafts- und Geschlechterstrukturen gründeten damals Tausende von jungen Musikerinnen Bands und Grrrl Zines. Die Zines Jigsaw, Girl Germs oder Bikini Kill sind nur wenige von vielen. Ihr Ziel: Kritik an der männlichen Dominanz im Musikgeschäft (und in der Gesellschaft als Ganzes!) sowie das Sichtbarmachen von Musikerinnen – und deren Expertise und Erfahrungen. Somit ging die Riot Grrrl Bewegung über die Produktion und Konsumierung von Musik hinaus und wurde – u. a. durch den Vertrieb und Verkauf der Zines – zum ständigen Versuch einer feministischen Selbstdefinition. Das Wort „Grrrl“ wurde dabei sinnbildlich von der Bikini Kill Sängerin und Aktivistin Kathleen Hanna (Bild oben) kreiert: „Grrrl bringt (…) das Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klar machte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und mit Jungs zu spielen, sondern sich darauf zu konzentrieren, ein ‚girl‘ zu werden, das heisst, eine anständige Lady, die die Jungs später mögen werden.“ (Laurel Gilbert und Crystal Kile in „SurferGrrrls“).

Heute, gut 17 Jahre nach der Entstehung der Riot Grrrl Bewegung, sind Girl Zines immer noch auf dem Markt und propagieren mit ihren Inhalten Bildung, Inspiration und Motivation. Mit dem Aufkommen des Internets ist eine neue Dimension dazugekommen, die nicht nur den internationalen Vertrieb der Zines vereinfacht, sondern auch die Möglichkeit für „E-Zines“ oder „gURLs“ bietet. Moderne Girl Zines wie Polyester, Ladybeard oder Sister (Titelbild) publizieren nebst den physischen Zines auch Texte, Comics und Photostrecken auf ihren Websites und Instagram. Dadurch wird die Zeit bis zur nächsten Issue gekonnt überbrückt und die gespannten Leser_innen können sich in der virtuellen Welt auf schnellstem Weg informieren, vernetzen und gegenseitig zu mehr Selbstbestimmtheit, Mut und Girlpower inspirieren. Denn so entstehen heute Movements, feministische Netzwerke und Räume. So initiieren Zines und andere Plattformen wie fempop in den Köpfen und Herzen der Leser_innen eine kleine Revolution, die – hoffentlich – zu grösseren Veränderungen und mehr politischem Aktivismus führen werden.

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