LITERATUR

#heroine Schreibkunst

Rahel Fenini & Cécile Moser

Weil wir längst woanders sind

Rasha Kayat

Roman, 2016

„Was führt dich nach Kairo, Basil?“ Seine Offenheit überfordert mich. Ich hatte gehofft, mit niemandem sprechen zu müssen, bis ich an meinem endgültigen Ziele lande. Um das Gespräch abzukürzen, sage ich, dass ich gleich weiter nach Jeddah muss. „What? Jeddah? Shit. Was willst du denn da? Hast du einen Job dort?“ „Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen“, verknappe ich die Wahrheit. „Aufregend, sehr aufregend, Mann. Saudi Arabia. Shit. Die sind ganz schön verrückt da. Mögen keine Ägypter, die Saudis, mögen eigentlich niemanden, ausser sich selbst und die Amerikaner. Wickeln ihre Frauen in schwarze Zelte und so.“ Er lacht laut und klopft mir auf die Schulter. „No no, I’m just joking. Gute Leute, gute Leute, Basil.“

 

Jeddah, Saudi-Arabien. Eine Hafenstadt, knapp 100 Kilometer von Mekka entfernt. Dorthin, in die Stadt seiner Kindheit, reist Rasha Kayats Protagonist Basil am Anfang ihres Debütromans Weil wir längst woanders sind. Nicht für den Job, nicht für die Ferien. Nein, Basil macht sich auf den Weg nach Saudi-Arabien, um bei der Hochzeit seiner jüngeren Schwester Layla dabei zu sein.

Mit dieser Ausgangssituation beginnt Rasha Kayats sanfte, aber dennoch aufwühlende Geschichte, die von kultureller Zerrissenheit, Heimatsuche und dem Schwanken zwischen Identitäten erzählt. Die Leserinnen und Leser begleiten Basil auf seiner Reise zurück in ein Land, gegen dessen politische Zustände er alle paar Wochen Onlinepetitionen unterschreibt, in ein Land, das von religiösen Restriktionen geprägt ist, in dem Frauen alles andere als frei sind. Kurz:  ein Land so komplett anders als der uns bekannte Westen. Doch genau hier – an diesem „Platz der Wärme“ – möchte Layla nach ihrer Jugend in Deutschland nun wieder leben, den Ingenieur Rami heiraten und eine Familie gründen.

Der Trip nach Jeddah wird für Basil, der zu Beginn der Geschichte die Beweggründe seiner Schwester nicht verstehen kann, zu einer emotionsgeladenen Reise in die eigene Vergangenheit, zu seiner Familie, zu sich selbst und ... in ein anderes mögliches Leben.

 

Mit Weil wir längst woanders sind ist Rasha Kayat, die viele Ähnlichkeiten mit ihren Protagonisten teilt und auf ihrem Blog „West-östliche Diva“ vom Leben als bikulturell geprägte Frau erzählt, ein eindrückliches Erstlingswerk gelungen: ein Buch über den Versuch, die eigene Position zu überdenken, offener und toleranter dem „Fremden“ gegenüberzutreten und über die Einsicht, dass die eigene Seite nicht für alle die bessere ist. Wir finden: absolut lesenswert! Also ab in die nächste Buchhandlung, Girls und Boys!

Gott ist nicht Schüchtern

Olga Grjasnowa

Roman, 2017

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“

 

Preisgekrönt und scharfzüngig, ist auch Grjasnowas drittes Werk „Gott ist nicht schüchtern“ eindringlich und hallt lange nach. Flüchtlingsströme, Flüchtlingskrise, Flüchtlingslager – ein seit geraumer Zeit präsentes Thema, und trotzdem weit weg. Sie leben neben uns, unter uns oder arbeiten für uns, und doch sind sie nicht da. Grjasnowa schafft es, genau diese Thematik lebendig, nah und persönlich zu erzählen, sodass man hinschauen muss. Das Buch handelt von der privilegierten Amal – eine gebildete, junge und hübsche Schauspielerin, deren Vater einen hohen Posten inne hat –, die sich in Damaskus nach und nach der Revolution anschliesst. Dabei lernt sie den ebenfalls gut situierten Arzt Hammoudi kennen, der eigentlich in Paris lebte und nur nach Syrien kam, um seinen Pass zu verlängern. Doch die Ausreise wurde ihm verweigert, und von der Champs Elysée wurde er im Nu in die harte Realität seiner Heimat zurück katapultiert. Am Ende vielleicht das Beste, was ihm passieren konnte. Als der Kampf gegen das stets radikalere Assad-Regime immer aussichtsloser erscheint, beginnen sie zu flüchten. Zuerst geht es nach Beirut, danach weiter per Schlepper nach Europa, sprich Griechenland, Italien und schliesslich nach Berlin. Dieses Buch stellt die grossen moralischen Fragen in den Raum, die sich eigentlich jeder täglich stellen sollte: Was ist recht und unrecht? Wann beginne ich mich zu wehren, wehre ich mich überhaupt und wie? Welche Macht hat die Liebe? Was kann ein Mensch ertragen und wie weit ist man bereit zu gehen, für seine Anliegen zu kämpfen? Und mit dem Titel „Gott ist nicht schüchtern“ stellt Grjasnowa denn eine gewagte, wenn auch sehr treffende These in den Raum. Denn hier geht es längst nicht mehr um Glauben, sondern um Institutionen, mächtige, radikale, brutale und gnadenlose Institutionen, die eines vergessen: Für die meisten ist ein Leben ohne Freiheit nicht mehr lebenswert. Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Sterben oder kämpfen. In des Menschen Natur liegt es tendenziell, letztere zu wählen. Lasst uns die Held_innen deshalb mit offenen Armen empfangen!

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