ZEITGEIST

Von schillernden Randfiguren und ihren Schauplätzen

Cécile Moser

So alt wie die Menschheit, ist auch sie: Die Gegenwelt. Ob die Demimonde, das Studio 54, Woodstock oder das Burning Man Festival – allesamt sind sie Symbole für eine Flucht ins Andersartige. Eine Thematik, die in der heutigen Hochleistungsgesellschaft aktueller ist denn je.

Wer sehnt sich nicht ab und zu nach ausschweifenden Party-Nächten, Reisen in fremde Länder oder alternativer Wahrnehmung? Jedenfalls sind Rauschmittel, ihre Konsum-Orte sowie Exotisches seit jeher ein präsenter Faktor im menschlichen Dasein. Ob im alten Rom, oder in den Harems des Orients – Wollust, Überdruss und Feiern bis ins Morgengrauen sind keiner Kultur und keiner Religion fremd. Dies scheint also ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. Doch warum eigentlich? Worum geht es bei diesem heute so abgeklärt genannten YOLO eigentlich?

Die Welt besteht immer aus Gegensätzen: Schwarz und Weiss, warm und kalt, gross und klein. So wird nicht selten auch zwischen normal und andersartig unterschieden. Als normal bezeichnen wir, was sich gemäss Sitten gehört, öffentlich zeigbar ist und nicht aneckt. Anders bedeutet dagegen, sich gegen Normen zu stellen und aufzufallen, was im gängigen Konsens als negativ, ja früher gar als «zu läutern» gewertet wurde. Zwei Faktoren, die dieses Anderssein stark bestimmen, sind die sexuelle Orientierung sowie das dem Gender entsprechende Verhalten. Wer sich hier nicht klar einordnen lässt oder dagegen verstösst, gilt als abartig. So ist die Demimonde, wie sich diese Gegenwelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts elegant nannte, seit jeher auch Bereich der Queers, Gays und Feminist_innen.

 

Diven & Ikonen als Normbruch

Ob grosse Diven wie Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich, Stilikonen wie Audrey Hepburn oder Jane Birkin, schillernde Party-Heldinnen wie Grace Jones oder Brigitte Bardot – sie alle hatten eines gemeinsam: Sie liebten das Anderssein, das Ausschweifende, Übertreibende sowie den Bruch mit Normen. Denn genauso damals wie heute wird niemand zur Ikone stilisiert, wenn sie bzw. er sich nicht selber treu bleibt und Authentizität bewahrt. Mit dieser Standhaftigkeit geht automatisch ein gewisser Norm-Verlust einher. Denn das Frausein war schon immer an sehr konkrete Vorstellungen, Regeln und Verhaltensmuster geknüpft – und genauso  auch das Mannsein. Doch in einer patriarchalen, von Männern dominierten Welt sind sie es, die die Regeln machen. Und so haben sich die Männer immer etwas mehr Freiheit zugesprochen, als es dem schwachen, weiblichen Geschlecht erlaubt war.

 

Mermaid-Hype: weibliche Alternativ-Sphäre

Doch was passiert, wenn man sich aus der gesellschaftlichen Comfort-Zone bewegt? Es gibt Sanktionen. Glücklicherweise sind diese in der heutigen Zeit in unseren Breitengraden nicht mehr so drastisch wie früher – man denke etwa an die Hexen-Verbrennungen oder die unmenschlichen Behandlungen vermeintlich hysterischer Frauen – doch noch immer werden auf dieser Welt Frauen gesteinigt, beschnitten und verurteilt. Sich frei zu bewegen, Prinzipien zu entwickeln und auch leben zu können, ist also noch immer ein grosses Privileg, das es zu schätzen gilt.

Was an dieser Stelle indes spannend ist, ist die Sphäre, in welche die Frau mit ihrer Bedeutung verschoben wurde, wenn sie von der Norm abwich: die verführerische Nymphe, welche die Seefahrer auf ihrer Odyssee ins Unglück stürzte – man erinnere sich, auch Mermaids sind in der aktuellen Popkultur kaum mehr wegzudenken – sowie die vom Teufel besessene Hexe. Wir befinden uns also im Bereich des Mythischen, Übernatürlichen. Die Welt der Esoterik, Holistik und des Unerklärlichen war also schon immer eine weiblich geprägte, was wiederum damit einhergeht, von welchem Blickwinkel dies betrachtet wird. Schliesslich waren es die Männer im patriarchalen System, die dies so einordneten. Wich eine Frau von der Norm ab, wurde sie als verrückt und gefährlich erklärt und musste geläutert oder beseitigt werden. Diese Haltung reicht noch bis ins 20. Jahrhundert zurück, als Freud mit den vermeintlich hysterischen Frauen experimentierte – obschon indes klar war, dass es sich hier um ein nicht-sprechen-können bzw. nicht-wissen-wie- zu-sprechen handelte, in einem vom Mann geprägten Patriarchat.

 

Sehnsuchtsort «Party»

Doch wo man sich wieder treffen konnte – Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Verhaltensmuster hin oder her – war die Gegenwelt. Ob Studio 54 oder Woodstock – am Ende geht es um das Eine: Flucht vor der Wirklichkeit, in fremde Sphären, jenseits der gängigen Normen. Ein Zufluchtsort für die Sehnsucht also? Oder nur ein Zufluchtsort vor der harten, grauen Realität? Schliesslich scheinen in unserer Hochleistungsgesellschaft, zumindest in westlichen Kulturen, Tempo und Anforderungen fast täglich zu steigen. Wo führt das hin, mag man sich fragen. So viel sei gesagt: Ohne Alltag, keine ausschweifende Party. Denn wer hätte schliesslich Lust, eine Party niemals mehr zu verlassen? Kein Hoch, ohne Tief. So gilt es, sich die Gegenwelt als immer wiederkehrende Zufluchtsstelle für die Sehnsucht zu bewahren (alternativ zur Party bietet sich hier auch die Flucht ins Transzendentale wie Meditation, Yoga und Co. an, dies allerdings wohl erst in etwas fortgeschrittenerem, vernünftigerem Alter). Das Glücklichsein bzw. mit-sich-im-Reinen-sein sowie Bodenhaftung können allerdings nur in der echten Welt erlangt werden. Und auch Veränderung, sprich Aktivismus und seine Taten, bedürfen der Realität, um zumindest schrittweise an ihr Ziel zu gelangen.

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