ZEITGEIST

Orient und Feminismus

Cécile Moser

Kopftuch und Feminismus? Länder, in denen Auto fahren für Frauen verboten ist, und Feminismus? Ja, das geht. Wir haben einen Blick auf andere feministische Bewegungen geworfen und festgestellt, je härter das Pflaster, desto mehr Zusammenhalt findet man.

 

Feminismus kennt viele Gesichter und eine Bewegung ist immer so vielfältig, wie es ihre Träger_innen sind, sprich endlos. Nichtsdestotrotz können wir nicht ändern, woher man stammt, in welche Familie man geboren oder was einem mitgegeben wurde. Dieses Tatsache anzuerkennen, ist wichtig, um weiter gehen zu können, und es ist okay. Doch was wir ändern können, ist der Blick sowie die Perspektive, wir können uns unvoreingenommen öffnen und versuchen, Andersartigkeiten in ihrer Art zu erfassen und davon zu lernen, sprich unser eigenes Verhalten und Denken zu reflektieren. So stellten wir uns denn die Frage, welche anderem feministischen Bewegungen man in orientalischen Ländern findet? Wie äussert sich eine Bewegung an Orten, wo Frauen per Gesetz weniger Rechte haben, als wir hierzulande, und wo Religion, die Frauen immer – unabhängig von welcher – nicht gleich wie Männer behandelt, häufig einen höheren Stellenwert hat, als in unseren Breitengraden.

Israel: Wandern für den Frieden

Am 'March of hope' haben sich letzten Herbst tausende Frauen, Hebrews, Muslima und Christinnen in Israel vom 4. bis 19. Oktober 2016 auf einen Friedensmarsch begeben. Dahinter steckt die Bewegung „Women Wage Peace“, wobei sich Frauen verschiedener Religionen, Ethnien und Herkunft zusammen tun, um ein friedliches Leben untereinander zu demonstrieren. Die israelische Sängerin Yael Deckelbaum, die der Bewegung angehört und übrigens auch am Women's March in Zürich mitlief, hat dazu die Hymne „Prayers of Mothers“ geschrieben, in der es etwa heisst: „It's only possible to live in a world in peace, if women, women of integrity and faith, stand up togheter for the future of their children.“ So wanderten tausende von Frauen während zwei Wochen von Rosh HaNikra an der Grenze zu Libanon nach Jerusalem. Immer wieder hielt man an, um Veranstaltungen und Diskussionsrunden vor Ort zu führen. Die Medien hierzulande berichteten aber doch lieber über die Todesopfer im Nahen Osten, als über dieses mutige und tatkräftige Abenteuer. So viel Solidarität ist beeindruckend und zeigt auf, wozu Menschen fähig sind, wenn es die Situation erfordert. Wir finden, auch hier gäbe es genug, um auf Wanderschaft zu gehen, und wer weiss, vielleicht heisst es schon bald „The #fempopmovement on Tour!“

Pakistan: Pink Power

In Pakistan rief eine Gruppe von Frauen jüngst das Unternehmen „Pink Taxi“ ins Leben. Diese Taxigesellschaft wird nur von Frauen betrieben und nimmt auch nur Frauen mit. Damit will man den vielen sexuellen Belästigungen und Übergriffen, die im öffentlichen Verkehr passieren, entgegenwirken. Der Service begann diesen März in Karachi und soll bald auch in Lahore und Islamabad eingeführt werden. Via SMS, Anruf oder App kann man sich eines der Pink Taxis bestellen und so sicher und unversehrt an den Arbeitsplatz gelangen. „Unsere Fahrerinnen tragen einen pinkfarbenen Schal und einen schwarzen Mantel als Uniform, damit man sie erkennt. Das sind Hausfrauen, junge Frauen oder Studentinnen“, erklärt Ambreen Sheikh, Leiterin des Paxi Cab Services. Einziger Kritikpunkt, der Preis: Die Taxis sind nicht ganz günstig und kann sich wohl nicht jede Pakistani leisten. Doch auch hier könnte man sich zu Gemeinschaften zusammenschliessen und sich so die hohen Preise teilen.

Indien: Girl Gang Alert

Auch wenn Indien streng genommen nach heutiger Bedeutung nicht mehr zum Orient gehört, so war dies bis vor geraumer Zeit noch der Fall. Jedenfalls hat uns diese 2006 Bewegung besonders berührt, weshalb wir davon berichten möchten – schliesslich wurde sie von Einheimischen selbst aus eigener Kraft aufgrund von Bedürfnissen ins Leben gerufen, und bedurf nicht äusserer Einwirkungen oder westlicher „Entwicklungsarbeit“, was wir indes häufig als schwierig erachten. Die in pinkfarbene Saris gehüllten Frauen der „Gulabi Gang“ setzen sich für Frauenrechte und gegen soziale Ungerechtigkeiten im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh ein. Gulabi bedeutet Rosa, wobei diese Farbe in Indien allerdings nicht als weibliche Farbe wahrgenommen wird. Die Gründerin der Gulabi Gang, Sampatpal Devi, hat diese Farbe nach eigener Aussage gewählt, da sie nicht von einer politischen Gruppe oder Partei verwendet wird. Charakteristisch für die Frauen, die der Gulabi Gang angehören, sind pinkfarbene Saris und Schlagstöcke aus Bambus, die üblicherweise von Polzeiangehörigen getragen werden. Um an ihre Ziele zu gelangen, die sich oft gegen Ehemänner und Polizisten richten, die Vergewaltigungs- und Missbrauchsfälle leugnen, nützt die Gang denn schon mal auch ihre Stöcke, wenn auch nur ungern: „Wir sind nicht gewalttätig und setzen unsere Stöcke erst dann ein, wenn unsere Selbstachtung mit Füssen getreten wird. Dann bekommen die Gesetzeshüter eine Kostprobe von der Wut der Frauen“, erklärte Sampat Pal Devi das Vorgehen der Aktivistinnen. Mittlerweile umfasst die Bewegung über 15'000 Frauen, die sich etwa auch für Essensversorgung für die Armen einsetzt, indem sie  Fair-Price-Läden, die das Gemüse auf dem Schwarzmarkt verscherbelten, anstatt es zu subventionierten Preisen an die Armen zu verkaufen, überwachten und so  die im indischen Beamtenapparat nicht selten anzutreffende Korruption einzudämmen versuchen. Die Gulabi Gang ist Thema des Films Pink Saris (2010) von Kim Longinotto sowie des Dokumentarfilms Gulabi Gang (2012) von Nishtha Jain.

 

 

Diese drei Bespiele, die noch mit unzähligen weiteren ergänzt werden könnten, zeigen auf, dass feministische Bewegungen an jedem Ort und mit jeder Religion möglich sind und existieren. Ja gerade in Punkto Solidarität, Grösse und Zusammenhalt könnten unsereins sich da noch das ein oder andere abschauen, leben wir hier doch in einer sehr privilegierten Welt, was auch zu Trägheit oder Verharren in Theorien, fernab von Realitäten, führen kann. Alle drei Beispiele zeigen auf, dass es mit Mut und guten Ideen möglich ist, etwas in der Gesellschaft zu verändern. Und wenn Frauen, die durch das patriarchalische und kapitalistische Systeme seit jeher dazu aufgefordert werden, untereinander zu konkurrenzieren und sich als Bedrohung wahrzunehmen, genau damit brechen, sprich sich zusammenschliessen, aktiv werden und ihren eigenen Weg gehen, haben wir bereits viel erreicht. Worte sind wichtig, Taten aber genauso.

 

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