TRAVEL

EAT PRAY LOVE IN GOA

Anne-Sophie Keller

Niemand geht einfach so nach Goa. Der indische Bundesstaat hängt mit zu vielen Traumvorstellungen zusammen. Von freier Liebe, ekstatischer Musik, endlosen Stränden, spirituellen Erlebnissen, ausufernden Partys, sanften Wäldern, tiefgründigen Gesprächen, verrückten Menschen. Und von einer magischen Kultur voller Sanftheit und Wärme.

Steigt man beim Flughafen Dabolim in ein Taxi und kurbelt die Scheiben runter, kommt man sofort in Indien an. Die warme Nachtluft riecht nach Sommer, nach Gewürzen, wilden Blumen, Motorenöl, Kuhdung, Abenteuer, Freiheit. Ich ging nach Goa, weil ich mich wieder finden musste, nachdem ich mich letztes Jahr in Asien verloren hatte. Weil man Verlorenes wieder dort findet, wo man es zuletzt liegengelassen hat.

Raus aus der Mühle

 

Mein spirituelles Erwachen kam letztes Jahr. Ich war beruflich auf dem Höhepunkt und persönlich auf dem Tiefpunkt. Meine Energiebilanz war desaströs, ich beutete mich selber aus und ich habe vieles aus den falschen Gründen gemacht – zum Beispiel Bestätigung von aussen gesucht, weil ich selbst keinen Boden mehr hatte. Und realisiert, dass das nicht funktioniert.

 

Wir flüchten uns ständig in irgendwelche Sachen. In übermässige Arbeit oder Sprunghaftigkeit bei zwischenmenschlichen Beziehungen. In Sex und Drogen. In Abende und Freunde, die ohne Alkohol nicht halb so lustig sind. In Frustessen und Netflix-Bingewatching. In irgendein Engagement, um von eigenen Problemen abzulenken. In die totale Vernetzung und soziale Medien. In diesen Wettbewerb um Selbstoptimierung, den niemand gewinnen kann.

 

Der einzige Weg daraus geht über einen anderen Fokus. Und über die Maxime, dass weniger mehr ist. Bei mir waren das zwei Monate im totalen Entzug. Kein Sex, keine Drogen, kein Alkohol, fast keine sozialen Verpflichtungen. Zwei Monate im Schneckenloch zuhause. Auf dem Sofa mit Büchern, Nachtruhe um 22 Uhr, Handyverbot im Schlafzimmer, tägliche Meditation, viel Yoga. Und als Krönung Goa in drei Akten.

Essen in Anjuna

 

Es fing an in einem Hostel in Anjuna, dem ehemaligen Hippie-Schmelzpunkt. Heute ist es ein Partyort, der von russischen Touristen und westlichem Junkfood überschwemmt wird. Man muss die Magie suchen, aber man findet sie. In den Augen der Althippies, die Goa noch vor der touristischen Ausbeutung kannten. In den Streetfood-Schuppen, die göttliches Aloo Gobi auf dreckigen Tellern servieren. Im Glanz der orangen Sonne, die hinter dem Meer untergeht. Im Geruch der staubigen Blumen am Strassenrand. Auf den Lippen der langhaarigen Backpacker. Im Schein des Vollmonds, der die Gesichter der Feiernden leuchten lässt. Im Geschmack der Mango- Lassis.

Beten in Assagao

 

Es ging weiter auf einer violetten Yogamatte in einem Retreat, das als Ashram fungierte. Also als buddhistisches Kloster. Jeden Morgen eine Stunde Meditation, zwei Stunden Yoga, eine Stunde Yoga Philosophy. Jeden Abend eine Stunde Meditation, zwei Stunden Yoga, eine Stunde Chanting. Dazwischen du und der Dschungel und die totale Konfrontation mit dir selbst. Keine netten Cafés, kein Pool, keine Partys, keine Flirtpartner, kein WLAN, keine Ablenkung. Niemand geht einfach so nach Goa. Und es geht erst recht niemand einfach so in ein Ashram. Wenn man sich selber wieder finden will, dann ist das der anstrengendste und schmerzhafteste und beste Ort, an dem man sein kann.

Lieben in Mandrem

 

Es endete in Mandrem in einem luxuriösen Retreat namens Ashiyana Yoga. Direkt neben den wunderschönen Stränden Ashwem oder Morjim. Wo das Leben und die Kokosnüsse süss schmecken. Wo man an jeder Ecke irgendein Ecstatic Dancing oder Reiki Healing machen kann. Wo man nach dem Verzicht im Ashram wieder auf weichen Betten schlafen, in Duschen ohne Frösche steigen und von Buffets mit Porridge schlemmen kann. Ein Ort, der so schön ist, dass alles einfacher geht. Das mit der Empathie, das mit dem Loslassen von alten Mustern – und ja, auch das mit der Selbstliebe. Bei mir kam sie am fünften Februar irgendwann nach fünf Uhr nachmittags nach einer Stunde Yin Yoga. Ich verbrachte den ganzen Tag zuvor am Strand unter der heissen Sonne, war benebelt von all den Räucherstäbchen und dem würzigen Chai, spürte den Schweiss auf meiner Stirn. Ich brannte und irgendwann schmolz alles in totale Klarheit. Dass Empathie nur dann funktioniert, wenn ich sie mir selbst entgegenbringe. Dass Liebe nur dann erst möglich ist, wenn man sie auch für sich selbst empfinden kann. Dass ich mein eigenes Zuhause bin und in mir selbst alle Geborgenheit liegt, die ich brauche.

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