REBECCA ANGELINI

#heroine(s) im Rotlicht-Milieu

Rahel Fenini

Die FIZ Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration, die am Zürcher Lindenplatz ihre Büros hat, berät Migrantinnen, die von Gewalt oder Ausbeutung betroffen sind, aufenthaltsrechtliche Probleme haben oder im Erotikbereich tätig sind. Hinter der FIZ steht auch Rebecca Angelini, Mediensprecherin und Leiterin der Bereiche Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising – und meine persönliche #heroine. Im Interview mit fempop erzählte mir Rebecca mehr über ihre Arbeit bei der FIZ, den Umgang mit frauenverachtenden Geschlechterverhältnissen und die Stigmatisierung von Sexarbeit.

 

Du arbeitest seit 2009 bei der FIZ: Wie bist du zu dieser Anstellung gekommen?

Meine Familiengeschichte hat mich schon als Kind politisiert und ich engagiere mich seit langem in verschiedenen migrationspolitischen und feministischen NGOs. Während des Studiums bin ich dann mit der FIZ in Kontakt gekommen, als ich eine Arbeit über Heiratsmigration geschrieben habe. Bevor ich aber als Mitarbeiterin für die politische Arbeit bei der FIZ begonnen habe, war ich für ein Praktikum an der Schweizer UNO Vertretung in New York und danach für kurze Zeit, von der DEZA sekundiert, an der UNO in Genf. Es folgte dann der Wechsel auf die NGO-Seite, über die Kampagnenarbeit beim WWF und schliesslich in die politische Arbeit bei der FIZ. Für mich eine Traumstelle. Seit 2013 leite ich hier den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und des Fundraisings und bin Mediensprecherin der FIZ.

 

Unsere Leser_innen kennen die FIZ allenfalls nicht: Wie würdest du diese – sowie deine Arbeit – in wenigen Worten beschreiben?

Die FIZ ist eine typische NGO, die 1985 gegründet wurde. Wir kämpfen für die Rechte und die Würde von Migrantinnen, die von Gewalt und Ausbeutung betroffen sind. Zu diesem Zweck führt die FIZ die Beratungsstelle für Migrantinnen und die spezialisierte Interventionsstelle Makasi für Betroffene von Frauenhandel.
Aus der direkten Zusammenarbeit mit Betroffenen entwickeln wir Handlungsvorschläge für Behörden und Politik. Wir arbeiten also auch politisch, denn wir wollen das System verändern. Wir sind der Meinung, dass es neben den Angeboten für die Betroffenen auf individueller Ebene unbedingt auch Massnahmen auf struktureller Ebene braucht, damit die Situation von Migrantinnen in der Schweiz nachhaltig verbessert wird.

 

Wie sieht ein „normaler“ Arbeitstag für dich aus? Was fordert dich – auch nach langjähriger Berufserfahrung – immer wieder heraus?

Was ich an meinem Job liebe, ist, dass es keine „normalen“ Arbeitstage gibt. Jeder Tag ist anders, jeder Tag bringt neue Herausforderungen, auch noch nach fast 9 Jahren bei der FIZ. Und ja, natürlich kann das auch anstrengend sein. Wir sind eine kleine NGO und müssen jedes Jahr etwa die Hälfte unserer Einkünfte über Spenden generieren. Mit dieser fehlenden langfristigen Planungssicherheit und ständig knappen Ressourcen muss frau umgehen können. Und die Themen, die wir bearbeiten, also Frauenmigration, Sexarbeit, Frauenhandel sind sicher nicht einfach. Was mir aber am meisten zu schaffen macht, sind bürokratische Hürden und Behördenentscheide, die als Schutz für Migrantinnen verkauft werden, sich aber bei genauer Betrachtung als rein repressive Massnahmen zur Kontrolle von Migration und Arbeit von Frauen entpuppen.

 

Die FIZ bietet Beratungen für Sexarbeiterinnen an: Mit welchen Problemen und Anliegen kommen diese zu euch?

Das Hauptthema sind momentan sicher die fehlenden legalen Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsorte. Das hängt zu einem damit zusammen, dass es durch die Gentrifizierung immer weniger bezahlbare Räumlichkeiten in der Stadt gibt. Es hat aber hauptsächlich damit zu tun, dass die Behörden für die legale Sexarbeit immer mehr komplexe bürokratische Hürden einführen. Dadurch geschieht eigentlich eine Kriminalisierung durch die Hintertüre, denn die Verletzlichsten werden in die Illegalität gedrängt, wo das Risiko für Ausbeutung und Gewalt am grössten ist.

 

Sexarbeit wird oftmals, auch in feministischen Kreisen, als Ausbeutung von Frauen verstanden, die verboten werden sollte. Wie stehst du solchen Aussagen und Bestrebungen gegenüber? Welche Auswirkungen hätte ein Verbot für die Sexarbeiterinnen?

Sexarbeit ist Arbeit, aber keine Arbeit wie jede andere. Sexarbeit ist eine prekäre Arbeit, Sexarbeiterinnen haben wenig Rechte und werden stigmatisiert. Sexarbeit ist aber nicht per se Ausbeutung. Ein Verbot der Sexarbeit trägt das Problem von frauenverachtenden Geschlechterverhältnissen auf dem Rücken der Sexarbeiterinnen aus. Ein Verbot bringt die Sexarbeit nicht zum Verschwinden, sondern führt dazu, dass die Arbeit unter noch prekäreren Bedingungen ausgeübt werden muss. Der Kampf gegen Frauenverachtung muss ein Kampf gegen strukturelle Bedingungen sein und nicht gegen die wenigen Optionen, die Migrantinnen in der Schweiz haben, ihr Leben und das ihrer Familie zu ermöglichen.

 

Welchen weiteren Vorurteilen begegnest du bezüglich Sexarbeit?

Gerade unter vielen privilegierten „Mittelstandsfrauen“ herrscht das Bild vor, dass alle Sexarbeiterinnen Opfer sind. Das ist eine sehr herablassende Haltung, denn damit wird Sexarbeiterinnen grundsätzlich ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit abgesprochen. Die meisten Sexarbeiterinnen in der Schweiz sind Migrantinnen, die sich selbstbestimmt für diese Arbeit entschieden haben, weil das die beste unter den wenigen Optionen ist, für sich und ihre Familien zu sorgen. Sexarbeit ermöglicht ihnen ökonomische Unabhängigkeit und wirkt damit emanzipatorisch. Sexarbeiterinnen sehen sich nicht als Opfer und wollen nicht als Opfer behandelt werden.

 

Was können wir tun, um der Stigmatisierung von Sexarbeit und Sexarbeiterinnen entgegenzuwirken?

Die Stigmatisierung hängt mit der Moralvorstellung zusammen, wie weibliche Sexualität sein darf. Sexarbeit wird als von der gesellschaftlichen Norm abweichende Form der weiblichen Sexualität betrachtet. Regulierungs- oder Verbotsbestrebungen sollten wir als das entlarven, was sie sind, nämlich letztendlich der Versuch, weibliche Sexualität, weibliche Arbeit und weibliche Migration zu kontrollieren. Und wir sollten die Stimme der Sexarbeiterinnen in die Diskussion miteinbeziehen, ernst nehmen und den Frauen auf Augenhöhe begegnen.

 

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