PETRA VOLPE

Ode an Volpe

Sandra von Euw

Liebe Frau Volpe, gesehen habe ich Ihren Film „Die göttliche Ordnung“ zum ersten Mal am Abend des 10. März 2017 im Kino Corso am Bellevue in Zürich gemeinsam mit meiner guten Freundin Sarah. Wieso ich das noch so genau weiss? Weil Ihr Film etwas in mir, eigentlich in uns beiden und sicherlich in allen, die mit uns im Saal gesessen haben, ausgelöst hat: Positive Energie, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und die Lust, sich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen, und zwar nicht nur auf Social Media mit lässigen Feminismus-Posts.

 

In Ihrem bisher erfolgreichsten Film wird das - für mich persönlich – „gschämigste“ Kapitel der Schweizer Geschichte thematisiert. Als eines der allerletzten Länder der Welt erlaubte die Schweiz 1971 ihren Frauen endlich auf nationaler Ebene an Abstimmungen und Wahlen teilzunehmen. Zum guten Glück hat sich seither viel getan und die Schweiz brilliert, wenn auch nicht auf allen, so doch auf manchen Bühnen besonders eindrücklich.

 

Die Schweizer Filmindustrie ist mit ihren relativ flexiblen Machtstrukturen und offenen Geschlechterverhältnissen im Vergleich mit der restlichen Filmwelt (aka Hollywood) ihren Mitstreiterinnen sogar ein kleines Stück voraus. Frauen vor, hinter und neben der Kamera und die daraus entstehenden Filme erhalten immer mehr die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht und die ihnen so lange verwehrt blieb. Tolle Frauen machen in der Schweiz Filme und sind für diesen Wandel mitverantwortlich: Bettina Oberli (Die Herbstzeitlosen), Sabine Boss (Der Goali bin ig), Güzin Kar (Seitentriebe) und schliesslich Sie,  Frau Volpe.

Beharrlich und beständig liefern Sie seit Beginn Ihrer Karriere 1992 ein spannendes Drehbuch und einen wunderbaren Film nach dem anderen und füllen damit neben Sälen und Kassen auch die Herzen der Zuschauer_innen.

Für „Heidi“ haben Sie das Drehbuch geschrieben und damit weltweit 3,5 Millionen Menschen beglückt. Ihr neuster Film, für den Sie sowohl das Drehbuch geschrieben als auch Regie geführt haben, war mit 345'000 Eintritten der vierterfolgreichste Film des Jahres 2017 in den Schweizer Kinos. Zudem steht er auf der Liste der erfolgreichsten Schweizer Filme auf Rang neun! NEUN! Dieser Erfolg in den Schweizer Kinos plus die drei Schweizer Filmpreise und die drei Preisen am Tribeca Festival in New York sind wirklich überwältigend und eindrücklich. Als wäre dies nicht genug, wurde der Film vom Bundesamt für Kultur für die Oscars in der Kategorie «Fremdsprachiger Film» eingereicht. Dadurch sind Sie nicht nur die erfolgreichste Frau der Schweizer Filmindustrie, sondern höchst wahrscheinlich der erfolgreichste MENSCH!

 

Das Private ist politisch!

 

Geboren sind Sie 1970 in Suhr, mitten im idyllischen Aargau. Doch bereits früh haben Sie gemerkt, dass es Sie weg zog und Sie „in der Welt zu Hause sein“ wollen. Dies sind Sie nun: Sie leben mit Ihrem amerikanischen Mann und Ihren zehnjährigen Zwillingsmädchen in Berlin und New York. Auch dort, weit weg von der bünzligen Schweiz, merken Sie, wie unglaublich wichtig es ist, für seine Anliegen auf die Strasse zu gehen und physische Präsenz zu markieren. (Trump - anyone?!)

 

Ich bewundere Sie bereits sehr für Ihre Genialität On-Screen, doch mit Ihrer Off-Screen-Power brillieren Sie genauso: Die Erinnerung, an die Urne zu gehen und Gebrauch vom eigenen Stimmrecht zu machen, denn „Demokratie ist so wichtig! Ich sage immer und überall: Leute, geht wählen!“ und die Ermutigung, sich mit der eigenen Sexualität und dem eigenen Körper auseinander zu setzten, denn „wie sollst du Rebellin sein, wie sollst du überhaupt spüren, was du willst, wenn du in deinem eigenen Körper nicht zuhause bist?“

 

Sie haben einen Film gemacht, der diese beiden wichtigen Themen vereint und der es geschafft hat, dass nicht nur dieses wichtige Kapitel der Schweizer Geschichte wieder diskutiert und ins Gedächtnis gerufen wird, sondern dass weiter gedacht wird. Wenn es nach mir gehen würde, müsste Ihr Film in der Schule gezeigt werden und könnte dadurch in den Kanon der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhundert mitaufgenommen werden. Denn ich habe im Gymi wirklich NICHTS über die Frauenbewegung gelernt! Sie etwa?

 

Schade konnten wir uns nicht persönlich treffen, wir hätten uns bestimmt gut verstanden. Wer sich nämlich selber als „hardcore Feministin“ bezeichnet und Filmszenen mit „fliegenden Vulvas“ schreibt (die leider wieder gestrichen wurden), MUSS einfach ein badass chick sein!

 

Und ja, meine Lieblingsszene ist die mit dem Vagina-Workshop und ja, ich habe es gleich zuhause ausprobiert und mein Yoni-Animal bestimmt. Und nein, das war nicht mein erstes Mal. Ich habe das vorher bereits etliche Male gemacht. Seit 1971 hat sich ja auch vieles getan!

 

Darum: Danke Nora, danke Theres, danke Vroni und danke Petra – ihr seid alle meine #heroines!

 

Photocredits: Nadja Kier

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