NINA GSCHWILM

Fair Fashion Fighter

Cécile Moser

Bei Nina Gschwilm kommt nur an die Stange, was ethisch vertretbar ist. Mit ihrem Store Kari Kari in Zürich setzt sie ein Statement gegen Fast Fashion. Nebenher hat die studierte Ökonomin ihre eigene Naturkosmetik-Linie Kosmic entwickelt und macht als DJ Nini Panini die Clubs unsicher. Ich sprach mit der #heroine und Allrounderin über ihre vielseitigen Talente und warum es ein Umdenken in der Mode-Industrie braucht.

 

Fair Fashion – das Schlagwort der Stunde. Jeder spricht davon und möchte sich damit brüsten, doch wer nicht aus der Branche stammt, weiss am Ende häufig doch nicht, wo ansetzen. Optimale Abhilfe schaffen da kuratierte Concept Stores wie Kari Kari in Zürich, die ausschliesslich auf faire Mode setzen. „Eigentlich begann alles mit Kosmic, meiner Kosmetik-Linie“, erklärt Nina. In ihrer Freizeit reiste die Ökonomin, die damals noch bei grossen Konzernen wie Puma oder Swarovski im Marketing tätig war, öfters nach Bali. „Dort kam ich erstmals mit natürlichen Kosmetik-Produkten in Kontakt und begann mir plötzlich Gedanken darüber zu machen, was ich mir da täglich eigentlich auf die Haut, mein grösstes Organ, schmiere.“ Bald darauf folgten Taten und Nina entwickelte Kosmic. Die Produkte werden von einem kleinen Familien-Betrieb in Bali hergestellt und sie vertreibt sie über ihren Online-Shop sowie die 2017 wieder eröffnete Boutique Kari Kari.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit sowie ihr Bewusstsein für faire und ökologische Produktion im Allgemeinen wuchsen. So musste Nina nicht lange überlegen, als es sich 2017 ergab, die Boutique Kari Kari zusammen mit einer Kollegin zu einem Ethical Fashion Store umzuwandeln: „Ich liebäugelte schon lange damit, meine eigene Chefin zu sein. Die langen Entscheidungswege und die Trägheit von Grossbetrieben frustrierte mich zu oft“, so die 34-Jährige. Seit Anfang diesen Jahres führt sie die Boutique nun alleine. Die stets bewunderte Selbständigkeit ihres Vaters und die Zuversicht ein relativ geringes Risiko einzugehen machten ihr Mut. Und sie witterte eine Marktlücke: „Viele denken noch immer, faire Kleidung sei unschön und nicht modisch. Doch das hat sich mittlerweile massiv verändert.“ Das beweisen zahlreiche Brands wie Sunad, Mara Hoffman oder Signe, die es im Concept Store zu kaufen gibt. Neben Mode gibt es auch Naturkosmetik und Accessoires zu entdecken.

Doch warum Ninas Auswahl vertrauen? „Es ist in der Tat so: Vor lauter Bäumen noch den Wald zu sehen, insbesondere in einer so komplexen Industrie wie in der Textilindustrie, ist als Endkonsument_in unglaublich schwierig. Bei meinem Einkauf orientiere ich mich zum Beispiel an Labels wie GOTS und der Fair Wear Foundation.“ Gerade kleinere Betriebe können sich Zertifizierungen aber oftmals nicht leisten, und dann ist immer auch ein Fünkchen Fingerspitzen-Gefühl gefragt: „An den Einkaufsmessen, treffe ich ja gerade bei kleinen Labels die Besitzer und Designer persönlich. Nach einem Gespräch weiss man meist rasch, ob man auf das Label vertrauen kann, oder nicht.“ Doch was ist Fair Fashion eigentlich? Geht es um Ökologie, oder geht es um soziale Standards, Löhne und dergleichen? „Im Endeffekt ist natürlich beides wichtig. Nur schaffen es nicht alle Labels, jeden Punkt zu berücksichtigen. Gerade die Rohstoffe stammen bei textilen Produkten eben häufig nicht aus Europa, man nehme etwa Baumwolle und ihren Baumwollgürtel.“ Deshalb hat Kari Kari sein ganz eigenes Bewertungssystem entwickelt und versieht jedes Produkt mit einem eigenen Hangtag das erläutert, was an diesem Produkt besonders vorbildlich ist. „Gewisse Kundinnen und Kunden legen mehr Wert darauf, dass keine grossen Transportwege zurückgelegt wurden, anderen sind die Arbeitsbedingungen der Näherinnen und Näher ungemein wichtig. So kann jede Person nach ihren Vorzügen einkaufen. Meiner Meinung nach ist Transparenz in unserer Branche ungemein wichtig.“

 

Was bei Nina im Laden hängt, würde sie auch prompt alles selber tragen. „Das ist mir ganz wichtig. Ich muss hinter allem stehen können, was hier drin hängt – nicht nur ethisch und moralisch, sondern auch stilistisch.“ Doch wer die Boutique betritt, und erwartet, aktiv etwas verkauft zu bekommen, liegt daneben. „Ich schwatze niemandem etwas auf, das ist nicht mein Stil und entspricht auch nicht meinem Konsum-Ansatz.“ Wie so viele erinnert auch sie sich an die Zeit, als man beim Anblick des Sortiments bei forever 21 und Co. in völlige Ekstase versetzt wurde und dem Kaufrausch verfiel. „Ich fing an, mir vermehrt Gedanken darüber zu machen, warum ich etwas kaufe oder besitzen will. Shopping ist wie eine Droge – man hat das Gefühl, sich danach besser, schöner oder erfolgreicher zu fühlen, doch am Ende ändert sich nichts. Und man schiebt zudem den falschen Playern Geld in die Tasche.“ So wird man bei ihr im Laden sogar noch gefragt, ob man das Stück denn wirklich benötige, oder nicht vielleicht sogar schon etwas ähnliches im Schrank habe. Aber der bewusste Umgang mit schöner Mode und Kleidung, scheint sich auszuzahlen: „Ich kann mich nicht beklagen. Je länger ich das Ganze mache, desto besser kenne ich die Kundinnen und Kunden, kann meine Zahlen auswerten und daraus lernen.“ Ein nächster wichtiger Schritt wäre in ihren Augen, dass grosse Player wie H&M und Co. mit ethischen Grundsätzen nachziehen und ihren Produktionszyklus massiv anpassen würden, denn da kauft nun mal die grosse Masse ein: „Greenwashing ist leider sehr angesagt. Aber ich bin überzeugt davon, dass der Druck in der Branche wächst. Konsumentinnen und Konsumenten werden immer kritischer, und auch an wichtigen Modeschulen wird heute intensiv über faire Modeproduktion etc. diskutiert.“ Das heisst die Designerinnen und Designer von Morgen werden grüner sein, so Nina.

Ihr Gefühl für Nuancen, die kleinen Details und das Gespür für ihr Gegenüber beweist Nina auch an den Turntabels. Als Nini Panini legt sie ab und zu in Zürcher Elektro-Clubs wie dem Hive oder KAUZ auf. „Musik lag mir schon immer am Herzen, und ich kann mich wahnsinnig in Arbeiten vertiefen. So begann ich irgendwann, selbst Sets zu kreieren.“ Schliesslich geht es auch da um das gezielte Bespielen eines Publikums, dessen Bedürfnisse aufzunehmen und die richtige Stimmung aufkommen zu lassen. Die Begegnung mit Nina zeichnet das Bild einer feinfühligen Allrounderin, die sich im richtigen Moment in Szene zu setzen weiss, aber auch genau einschätzen kann, wann es sich zurück zu nehmen gilt. Mit viel Mut und Herzblut folgt sie zielstrebig ihrer Mission und beweist, was jede Person in ihrem Umfeld bewirken und verändern kann.

 

www.karikari.ch

 

Wer Nini Panini live hören möchte, kann dies am 14. Juli am Am Bach Festival in Luzern tun:

www.ambachfestival.ch

Photocredits: Serena Schindler

info@fempop.ch