JULIA MAMONE

“Mein Feminismus ist bunt,

 mit wenig Feinsinn und

längst überfällig!”

Stefanie Bracher

Der südliche Riese auf dem amerikanischen Kontinent hat leckeres Rindfleisch, ausgezeichnete Malbec Weine, weite Pampas und anscheinend der beste Fussballspieler der Welt, Messi - leider aber auch die höchste Mordrate an Frauen in der Region. Alle 18 Stunden wird eine Frau ermordet. In fast allen Fällen sind sie Opfer ihrer Ehepartner, Freunde und anderer Männer ihres Umfeldes. Nach dem Mord an einer 14-Jährigen durch ihren Freund hauten die Frauen heftig auf den Tisch und eine gewaltige Bewegung wurde mobilisiert. Frauen im ganzen Lande erhoben sich mit lauten Schreien: Ni una menos! (zu Deutsch etwa: Nicht noch Eine!). Auch meine südamerikanische #heroine Julia Mamone gehört dazu, bekennende Feministin, Illustratorin und Autorin. Mit ihr unterhalte ich mich über  Feminismus in Lateinamerika, unrasierte Beine und den Untergang einer Machogesellschaft.

 

Nach dem schockierenden Mord an der schwangeren 14-jährigen Chiara Páez fand 2015 der erste Protestmarsch dieser Grösse vor dem Parlament der Hauptstadt statt. Von da an konnte der Schlachtruf der Ni una menos-Bewegung nicht mehr gebändigt werden. Eine Bewegung, die sich gegen die patriarchalische Gesellschaftsstruktur des Landes auflehnt. Tausende  von Menschen verleihen seitdem regelmässig ihrer Wut Ausdruck, ziehen auf die Strassen und fordern die Umsetzung eines Gesetzes, das schon vor sechs Jahren zum Schutz von Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt verabschiedet wurde. Vivas nos queremos (zu Deutsch: Wir wollen uns lebendig) ist ein kollektiver Aufruf gegen die Gewalt der Machos. Umso mehr nachdem 2017 ein trauriger Rekord gebrochen wurde: 297 Hassmorde an Frauen. Die Argentinierinnen wollen aus dem verkrusteten Machosystem ausbrechen und rebellieren so laut wie noch nie, sogar bis über die Landesgrenzen hinaus, von Chile bis nach Mexiko.

 

Die feministische Welle ist nicht mehr aufzuhalten, so wie auch meine #heroine Julia Mamone. Eine 29-jährige Illustratorin aus Caballito, ein Stadtviertel im geographischen Zentrum von Buenos Aires. Sie fasziniert mich, die junge Frau, die einige Jahre Soziologie studierte, das Studium abbrach und weiter an der Kunstschule La Ola studierte. Sie war eine Zeit lang für das Bildungsministerium der Regierung tätig und führt heute ein paar unabhängige Projekte. Ich treffe sie in ihrem Atelier, dessen Wände mit unzähligen A4-Zeichnungen geschmückt sind.

Julias Illustrationen sind bunt, für Manche sicherlich provokativ und atypisch, doch das ist hier in Argentinien mehr als nötig. Über Lateinamerika erstreckt sich eine weite Macholandschaft. Die Dekonstruktion der traditionellen Rollenverteilung oder des Bildes der Frau ist ein langsamer Prozess, doch Beiträge von Julia liefern ein starkes Statement. Dennoch betont sie: „Ich setze mich nicht hin und überlege, wie ich zum Feminismus beitragen könnte. Ich mache einfach, was ich fühle. Und da ich es nirgends sehe, greife ich selber zum Stift.“ Frauen und transsexuelle Menschen aus allen Gewichtsklassen oder Hautfarben stehen im Mittelpunkt, einige mit rasierten oder unrasierten Beinen, mal bedeckt oder auch mit freizügigen Looks. Fantasiewesen mit scharfen Zähnen oder Powerfrauen mit Macheten, die sich auf eine Schlacht gegen die Machos rüsten, zieren die Blätter: „Einmal hat mir ein Professor gesagt, dass ich beim Zeichnen der Linien aufpassen soll sonst würden die wie Beinhaare aussehen.“ Aber genau das wolle sie doch: Den Stereotypen der perfekten Frau befreien, raffiniert schockieren, zum Dialog anregen und dadurch das traditionelle Konzept der Männlichkeit infrage stellen. In der Euphorie der Kreativität entstehen Flyer, Plakate, illustrative Beiträge für Bücher oder Zeitschriften. Aktuell arbeitet Julia mit einer Freundin an einem Bilderbuch, welches den sexuellen Missbrauch im jungen Alter thematisiert. Die Geschichte zeigt, wie wichtig die Kommunikation innerhalb einer Familie ist und, falls es zu einem Vorfall kommt bzw. kam, wie sich das Kind von der sekundären Viktimisierung befreien kann. Dazu würden die sozialen, psychischen und gegebenenfalls auch wirtschaftlichen Folgen für das Opfer gehören. Basierend auf persönlichen Erlebnissen denkt Julia zurück: „Wenn ich in eine Zeitmaschine steigen könnte, würde ich mir als Kind sagen, dass ich meine Gefühle öfters und mehr kommunizieren soll.“

Julias Kunst rebelliert und ist laut. Ein Sprachrohr nicht für Frauen, sondern auch für Homosexuelle, Intersexuelle, Pansexuelle etc. Sie lebt einen sogenannten Transfeminismus vor. Und vielleicht ist sie mit dieser Haltung vielen Menschen im zweitgrössten Land Südamerikas einen Schritt voraus, erscheint vielen vielleicht zu radikal und muss öfters hören, ob sie denn eigentlich etwas gegen Männer habe: „Es ist ja sogar nachvollziehbar, warum viele Männer dieses privilegierte Nest nicht verlassen möchten. Sie wurden ja so erzogen, sogar von ihren eigenen Müttern. Aber jetzt ist einfach Schluss, mit dieser Machista-Ideologie muss gebrochen werden“. Und vielleicht genau deshalb repräsentiert Julia für mich eine #heroine, denn sie will nicht mutig, sondern frei sein. Niemand hat gesagt, dass der Kampf für mehr Akzeptanz und Destruktion der Rollenverteilung einfach wird, doch wer hat gesagt, er kann nicht bunt und fantasievoll sein? Ich bin mir sicher, dass Julia den Stift nicht so schnell loslassen wird und sich weiterhin einen freieren Weg in die Gleichberechtigung malen wird.

 

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Photocredits: Stefanie Bracher

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