GABRIELA CHICHERIO

Im Designkosmos

Carina Iten

Gabriela Chicherio ist nicht jemand, die unbemerkt einen Raum betritt. Ihre Stimme ist voluminös und ihre Energie ansteckend. So sehr, dass man nach einem Gespräch mit ihr selbst tausend Projektideen im Kopf hat, die man umsetzen möchte. Denn Gabriela redet nicht nur, sie macht auch. «Bevor es sonst jemand macht, mache ich es lieber selbst», sagte sie mir, als ich sie vor mehr als einem Jahr zum ersten Mal traf. Damals war sie mitten in den Vorbereitungen für die erste Ausgabe der Design Biennale Zürich, die sie gemeinsam mit Fabienne Barras und Andreas Saxer lancierte. Was ich speziell an ihr mag, ist, dass sie Design denjenigen näher bringen will, die sich nicht täglich im Designuniversum bewegen. Bei der Biennale stand für einmal nicht ein Vitra-Sessel oder eine Foscarini-Leuchte im Fokus, sondern die feinen Facetten, die Design im Kern ausmachen – von der Person hinter einem Objekt bis zum eigentlichen Arbeitsprozess. Ein weiteres Projekt ist der Design Walk Zürich. Auf dem Spaziergang durch die Innenstadt und Zürich West zeigt sie den Teilnehmer_innen, dass Design in allen Ecken versteckt und unumgänglich mit unserem Alltag verwoben ist. Sie deckt vermeintliche Kuriositäten auf, macht auf unscheinbare Details aufmerksam und findet Design dort, wo niemand von uns danach sucht – wie etwa in einem Cocktailglas. Im Gespräch mit fempop sprach die #heroine  über den Alltag als Designerin und wieso es so wichtig ist, Ideen umzusetzen.

 

Gabriela, du bist selbständige Designerin, arbeitest nebenbei in einem Möbelladen und hast die Design Biennale Zürich mitinitiiert. Woher nimmst du die Energie für all deine Projekte?

Ich bin eine Macherin und hatte schon immer sehr viel Energie. Woher die kommt, weiss ich manchmal selbst nicht.

 

Wie schaffst du bei mehreren Projekten den Überblick zu behalten?

Ich bin extrem strukturiert. Das ist meine Art. Viele Leute brauchen den Druck einer Deadline, ich hingegen bin immer vor der Deadline fertig. Und ich bin gut im Zeitpläne-Machen, weil ich diesen Schlussspurt-Stress vermeiden will.

 

Hast du einen geregelten Alltag?

Durch die Teilzeit-Arbeit im Möbelladen habe ich einen halbwegs geregelten Tagesablauf. Aber ich bin ein Morgenmensch, da bin ich voller Elan, Ideen und Tatendrang, das schwindet dann meistens im Verlauf des Tages. Nachtschichten im Studio mache ich keine mehr.

 

Die Designszene ist eher männerdominiert, wie nimmst du das wahr?

Ich finde die Szene extrem sympathisch, über die letzten Jahre sind viele Freundschaften entstanden. Die Szene ist klein, man kennt sich und ich fühle mich in diesem Umfeld sehr wohl. Klar gibt es mehr Männer, aber ich habe das nie negativ empfunden. Unter den Frauen ist die Konkurrenz kleiner, dadurch wurde ich höchstens positiv diskriminiert.

 

Wie meinst du das?

Ich hatte oft einen Pluspunkt oder habe einen Job bekommen, gerade weil ich eine Frau bin. Zudem gibt es weniger Frauen, die sich in den Vordergrund stellen, wenn es sein muss. Ich habe damit keine Mühe, ich bin jemand, der auch mal laut werden kann. Frauen müssen aktiver werden und sich mehr einbringen, erst wenn es eine bessere Durchmischung gibt, werden sich auch die festgefahrenen Strukturen ändern.

 

Was würdest du jemandem raten, der aus dem Design-Studium kommt?

Will man selbständig sein, würde ich raten, sich gleich nach dem Studium selbständig zu machen. Da hat man wenig Anspruch und ist total frisch, unverfroren und angstfrei. Gleichzeitig würde ich aber auch sagen, geh erst zu jemandem arbeiten, es gibt ganz viele Fehler, die man nicht selber machen muss. Aber das ist ganz klar typabhängig.

 

Was ist das Wichtigste, das du in der Selbständigkeit gelernt hast?

Für mich gibt es keinen grossen Unterschied, ob ich selbstständig bin oder als Angestellte arbeite. Ich mache das, was ich gerne mache. Klar gibt es Aufgaben, die gemacht werden müssen und weniger lässig sind. Gefällt mir ein Job nicht mehr, würde ich ihn auch beenden. Was meine Lehre allgemein ist: So lange man Spass an der Arbeit hat und an ein Projekt glaubt, soll man einfach machen und versuchen es umzusetzen, ohne sich zu verrennen. Ich denke immer, man kann nur vom Nichtstun verlieren, vom Machen kann man nur gewinnen. Aber beim Selbständigsein besteht auch die Gefahr, dass man sich ruiniert.

 

Gab es den Moment bei dir auch?

Nein, ich war nie ganz selbstständig. Aber es gab den Moment als ich ans Aufhören dachte. Bevor klar war, dass die Design Biennale wirklich zustande kommt. Da musste ich mir ernsthaft überlegen, ob ich noch länger strampeln wollte und ob es sich lohnt, für keine Bezahlung so viel Engagement zu zeigen.

 

Woher kam die Idee für das Projekt Design Biennale Zürich?

Zürich ist eine extrem kreative Metropole, es passiert hier unglaublich viel im Designbereich, aber es fehlte eine Plattform. Im Verkauf gibt es viele Plattformen, wenn es aber darum geht, was hinter dem Produkt steckt, findet man nichts. Eigentlich ist die Design Biennale aus eigenem Bedürfnis heraus entstanden: Wir hätten uns selbst gewünscht, dass es einen solchen Anlass gäbe.

 

Die zweite Ausgabe 2019 steht unter dem Motto «Play» – was können wir uns darunter vorstellen?

Die Besucherinnen und Besucher werden auf jeden Fall überrascht und erhalten einen Einblick in eine Profession, die breit gefächert ist. Uns geht es darum zu zeigen, was Design alles ist, ohne das Endprodukt zu präsentieren oder eine eindeutige Antwort zu geben. Wir stellen den Designprozess in den Fokus, geben Einblick in die Forschung und stellen Leute sowie ihre Arbeitsweise vor.  Zudem haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit – wie es das Motto bereits sagt – selbst mitzumachen und Dinge auszuprobieren.

 

Welches Motto begleitet dich im Alltag?

Reg dich nicht über Sachen auf, die du nicht ändern kannst. Das finde ich, muss man verinnerlichen. So lange man etwas bewirken kann, soll man Aktionismus an den Tag legen, wenn es aber vorbei ist, macht es keinen Sinn sich in den Wahnsinn zu treiben. Ich versuche Sachen, die ich nicht ändern kann, so wenig Zeit wie möglich zu schenken. Dann kann man ein Fazit daraus ziehen und es das nächste Mal besser machen.

Design-Tipps von Gabriela:

 

Inspirierende Designer_innen?

Das sind viele: Trix und Robert Haussmann, Achille Castiglioni, Konstantin Grcic, Scholten & Baijings, Hella Jongerius, ...

 

Wo findet man gutes Design?

Da muss ich jetzt fast Werbung für den Möbelladen machen, in dem ich arbeite: Viadukt*3 in Zürich oder bei unseren Nachbarn cabinet.

 

Welchen Designanlass, welche Ausstellung muss man besuchen?

Einmal an die Möbelmesse nach Mailand fahren, ist ein unglaubliches Erlebnis, das Vitra Design Museum, das Museum für Gestaltung und das Mudac zeigen auch immer tolle Ausstellungen, und sicher lohnt sich auch ein Besuch an der nächsten Design Biennale Zürich.

 

Photocredits: Serena Schindler

info@fempop.ch