ELISABETH REAL

Meine Superheldin

hinter der Kamera

Rahel Zingg

Elisabeth Real kämpft mit dem “The Lesbian Lives Project” dafür, die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen zu erhöhen. Warum das gerade jetzt so wichtig ist und warum sie damit den Titel einer Kick-Ass-#heroine verdient hat.

 

“Ihhh, schwul!”, ruft einer von zwei Jugendlichen leise genug, damit seine Worte den Spott nicht verlieren, aber gerade so laut, dass ihn beim vorbeigehen alle hören. Es ist Freitag, um 20.30 Uhr im Januar. Im Jahr 2018. In Berlin. In der Stadt, in der angeblich jeder sein kann, was und wie er will. Jackie-Oh Weinhaus dreht sich nicht um, die irritierten Blicke der Passanten, dass kein Kopf unbewegt bleibt, wenn sie vorbeigeht, kümmern sie wenig – sagt sie. Trotzdem. In diesen Momenten klingelt es bei der Drag-Queen. Und diese Klingel erzeugt einen Systemzusammenbruch. Eine Erinnerung an ihre Zeiten im Fegefeuer, die an ihrer Seele operiert.

 

“In Berlin ist man nicht vor Diskriminierung gefeit. Vor allem Typen in fetten Autos pöbeln gern aus dem Fenster: ‘Blöde Schwuchtel, schwule Sau’. Vor einem Monat wurde ich bespuckt.” Sie fährt im Fummel niemals alleine in der Bahn, das kann sogar in der Hauptstadt gefährlich werden, die von sich behauptet, offen für alles zu sein.  “All den Dreck, den ich fressen muss, sauge ich auf wie ein Schwamm”, sagt sie. “Auf der Bühne, bei Auftritten als Drag, kann ich ihn auswringen.”

 

Wo sind unsere Superheldinnen?

 

Ich schrieb diese Passage für eine Reportage über Drags in Berlin. Und hole sie aus meinem Archiv, um zu verdeutlichen, weshalb ich folgende Person zu meiner #heroine erkoren habe. Weshalb ich die Arbeit der Fotografin Elisabeth Real als so wichtig erachte.

Wir sind ständig auf der Suche. Nach jemandem, zu dem wir aufschauen können. Der uns beeindruckt. Denn: Helden geben Orientierung. Ermutigung. Kraft. Aber wo finden wir eine moderne Heldin, mit der man sich identifizieren kann? Gibt es sie überhaupt? Sich das zu fragen, ist in Zeiten der Krise, wenn man nicht weiter weiss, wenn der Horizont verstopft ist, umso wichtiger. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die Suche zu machen.

 

Heldentum spiegelt die Werte einer Gesellschaft wieder. Darum wird es je nach Epoche unterschiedlich definiert. Aber alle Helden und Heldinnen haben dennoch ein paar Dinge gemeinsam: Sie besitzen Charisma. Sprengen Normen. Und das macht für mich eine moderne Heldin aus: Unangepasst zu sein, furchtlos anders zu sein. Das scheint mir ein Wert mit dem wir auch einer grossen Herausforderung unserer Zeit, nämlich den vielfältigen unausgesprochenen Normierungen, begegnen können. Was mich schliesslich zu der Hauptheldin dieses Essays führt.

 

Die ungeschönte Wahrheit

 

Elisabeth Real. Fotografin. Role Model. Mit ihrem Projekt “The Lesbian Lives” und dem vor kurzem dazu erschienenen Buch möchte Real die Sichtbarkeit von homosexuellen Frauen erhöhen und Aufmerksamkeit auf die Ungleichheit zwischen Gesetzen und den aktuellen Zuständen lenken. Sie möchte die ungeschönte Wahrheit zeigen. Bilder von Frauen, ohne Photoshop. “Frauen sind in den Medien krass unterrepräsentiert. Bilder von ihnen sieht man vor allem in Modemagazinen und immer mit dem Ziel, dass sie schön aussehen, sprich, dass heterosexuelle Männer an ihnen Gefallen finden.”

 

Auslöser für ihr Engagement war ihr Besuch in Südafrika. Auf dem Kontinent gilt Südafrika eigentlich als liberal: Die Verfassung verspricht Gleichberechtigung für alle, Homosexuelle dürfen Kinder adoptieren, es ist sogar eines der wenigen Länder weltweit, in dem sie heiraten dürfen. „In der Ober- beziehungsweise der Mittelschicht ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen sicher da und es gibt auch in den ärmeren Bevölkerungsschichten Menschen, die nichts dagegen haben. Familien, die ihre lesbischen Töchter von Herzen lieben und akzeptieren“, sagt Real.

 

Doch trotz der Gesetzeslage gelten Homosexuelle vielen Südafrikanern, männlichen vor allem, noch immer als verirrt, krank und heilungsbedürftig. Insbesondere in den Armenvierteln des Landes hält sich zudem der hartnäckige Glaube, die Vergewaltigung einer lesbischen Frau werde diese schon auf den Pfad der “heterosexuellen Tugend” zurückführen.

 

Illegale Liebe

 

Es ist schon unbegreiflich, dass Liebe illegal sein kann. Liebe. Dieser eine Begriff, der keine Definition hat. Dieses eine Gefühl, dass unbeschreiblich ist. Auch in westlichen Ländern ist das Problem Homophobie längst nicht gelöst. Eben auch in Ländern, wo die gleichgeschlechtliche Ehe anerkannt ist. In Bezug auf den Umgang mit den Rechten von Lesben und Schwulen steht die Schweiz unter den 49 europäischen Ländern an 26. Stelle und damit auf dem gleichen Niveau wie Rumänien. Obwohl Lesben in der Schweizer Gesellschaft allgemein anerkannt sind, geniessen sie bei Weitem nicht die gleichen Rechte wie heterosexuelle Frauen und Männer: So gibt es keine Gleichstellung hinsichtlich der Eheschliessung und keine Gesetze gegen homophobe Äusserungen.

 

Das Gesetz zu ändern wäre der erste kleine Schritt. Aber man muss auch die Gesellschaft ändern. Und da leistet Reals Werk mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag: Geschichten können schliesslich Veränderungen auslösen. Und ihre soll ins Bewusstsein rufen, dass jenseits von diesen festgeschriebenen Geschlechterrollen noch eine ganz andere Welt liegt – eine, die eine Daseinsberechtigung hat. Dennoch nach wie vor darum kämpfen muss und an nur wenigen Orten, in ihren eigenen kleinen Elfenbeintürmen der Freiheit, ungestört existieren kann.

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