HEROINE

Queen of the Rainbow

unsere #heroine Anna Rosenwasser

Rahel Fenini

Mit pinkem Haar und Glitzereyeliner sitzt sie mir gegenüber: Anna Rosenwasser, die Frau mit dem wohl schönsten Nachnamen. Anna, 27, in Schaffhausen aufgewachsen und heute in Zürich wohnhaft, ist Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, freischaffende Journalistin und studiert nebenbei Politikwissenschaften und Geschichte.

Anna mag Katzen und Tee. Anna liebt Frauen – aber auch Männer. Und dafür setzt sie sich ein. Dafür, dass Menschen so sein können, wie sie sind und lieben können, wen sie wollen. Im Interview mit fempop sprach die #heroine über ihr Engagement in der LGBT-Community, unsichtbare Diskriminierung und Feminismus.

Du bist im Vorstand der Milchjugend, der grössten LGBT-Jugendorganisation der Schweiz, hast die Schaffhauser Jugendgruppe „Andersh“ mitgegründet und sitzt nun auch in der Geschäftsleitung der LOS, der Lesbenorganisation der Schweiz. Wie kam es zu diesem vielseitigen und grossen Engagement für die LGBT-Community?

Rückblickend würde ich sagen, dass mehrere Voraussetzungen zu meinem jetzigen Engagement führten. Als ich 17 Jahre alt war, begann ich eine dreijährige Beziehung.

Diese Partnerschaft hat mir ein extrem positives Verhältnis zu Liebe, Sexualität und Beziehungen auf den Weg mitgegeben, worüber ich unglaublich glücklich bin. Viele Menschen haben jahrzehntelang ein schwieriges Verhältnis zu mindestens einem dieser drei Punkte, weil ihre ersten Erfahrungen damit negativ waren. Meine damalige Beziehung hat dazu geführt, dass ich diese Aspekte heute als so wichtig erachte. Ich bin unglaublich gerne verliebt und habe unglaublich gerne Sex. Deshalb setze ich mich heute auch so gerne für diese Themen ein.

Zudem wünschte ich mir immer eine Art von Gruppenzugehörigkeit. Obwohl ich tolle Freundschaften hatte und es mir nicht an lieben Mitmenschen fehlte, vermisste ich das Gefühl, einer Subkultur oder einer bestimmten Szene anzugehören. So hing ich mit Punks ab, schloss mich Veganer_innen an und näherte mich subversiv-radikalen Kreisen. Doch nirgends wurde ich wirklich fündig. Zwischenmenschlich hat mir immer etwas gefehlt. Ich bezeichnete mich damals noch als hetero, fühlte mich aber auch zu Frauen und der Homoszene hingezogen. Da ich mich mit typischen „Parties for Gays and Lesbians“ jedoch nicht identifizieren konnte und niemand in meinem Freundeskreis in dieser Szene aktiv war, gelang mir der Zugang nicht sofort. Erst als ich als Journalistin für das Milchbüechli zur Milchjugend kam und ihr sehr offenes Verständnis von sexuellen Anziehungen und Geschlechtsidentitäten kennenlernte, fühlte ich mich zum ersten Mal richtig wohl und aufgehoben.

 

Hast du dort auch Tobias Urech kennen gelernt, mit dem du „Andersh“ ins Leben gerufen hast?

Genau. Wir sind beide von Schaffhausen, haben uns jedoch wegen des Altersunterschiedes im Gymnasium verpasst. Als wir uns dann in der Milchjugend wiederfanden, begannen wir uns darüber zu unterhalten, wie unsichtbar die LGBT-Thematik an kleineren Orten ist. Ich kann mich noch erinnern, dass es an der Kantonsschule jeweils höchstens eine Quotenlesbe und einen Quotenschwulen pro Jahrgang gab. Diese Personen, die ihre Homosexualität offen leben, werden sofort als Freaks abgestempelt. Die Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen findet also nur in diesem Rahmen, in diesem Verständnis statt. Dies macht es für junge Menschen, die sich nicht als cis-hetero (cis = Gegenteil von trans*, das Übereinstimmen des Körpergeschlechts mit der Geschlechtsidentität) identifizieren, extrem schwierig, Gleichgesinnte zu finden und sich zu outen. Das wollten wir unbedingt ändern. So haben wir mit „Andersh“ einen sicheren Raum geschaffen, wo sich lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle Jugendliche treffen, austauschen und sich selbst sein können.

Auf den Webseiten von „Andersh“ und der Milchjugend schreibt ihr „Wir sind ein Ort bzw. eine Jugendgruppe für lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle Jugendliche sowie für alle dazwischen und ausserhalb.“ Was versteht ihr unter "dazwischen und ausserhalb"?

Wir haben diese Beschreibung ganz bewusst gewählt. Zum einen weil wir der Überzeugung sind, dass sich niemand dazu gezwungen fühlen sollte, sich mit einem bestimmten Label zu bezeichnen. Die Offenheit der Formulierung soll insbesondere jungen Personen zeigen, dass sie nicht mit der Gewissheit, wer und was sie sind, in die Jugendgruppe kommen müssen. Zum anderen sind wir der Ansicht, dass die beiden Aspekte sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität vielfältige und unabhängige Spektren sind, welche die unterschiedlichsten Formen von sexueller Anziehung und Identität miteinbeziehen und hervorbringen. Diese Formen können ganz individuell sein und noch kein bestimmtes Label haben. So kann ein junger Mann liebend gerne Röcke tragen – was gemäss heteronormativem Denken nicht der Norm entspricht – sich aber dennoch 100% als Mann fühlen. Unter anderem diese Personen sind mit der Bezeichnung „dazwischen und ausserhalb“ gemeint und sollen in den Jugendgruppen Platz finden.

 

Welchen Formen der Diskriminierung begegnest du selbst als homosexuelle, junge Frau?

Ein Phänomen, das ich immer wieder erlebe und beobachte, ist das Gefühl, wenn du nach einer Gay-Party, der Pride oder einem Festival wie dem lila. in die öffentlichen Verkehrsmittel sitzt und dich plötzlich ein Unbehagen überkommt - ein Gefühl des Unwohlseins, einer potenziellen Bedrohung. Je nachdem wie du optisch auftrittst, musst du genau in diesem Moment wieder damit rechnen, dass dir jemand eine Beleidigung hinterherruft. Dieses Gefühl  ist ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Teil von Diskriminierung, der schwer zu messen und  zu beschreiben ist. Insbesondere für Menschen, die überall einigermassen akzeptiert sind, ist dies nicht einfach nachzuempfinden. Genau deswegen ist auch das Prinzip des „safe space“ so wichtig, weil er LGBT-Menschen einen Ort der Sicherheit bietet.

 

Nebst deinem grossen Engagement für die LGBT-Community bezeichnest du dich auch als stolze Feministin. Was bedeutet Feminismus für dich?

Ja, meine erste explizit feministische Lektüre war «Wir Alphamädchen» von Barbara Streidl, Meredith Haaf und Susanne Klingner. Ich erinnere mich noch, wie ich das Buch am Rheinufer liegend las, etwas ängstlich beim Gedanken, jemand könnte mich dabei erwischen und mich für eine Feministin halten. Als ich mit dem Buch fertig war, war diese Angst weg. Vermutlich begann ich ab da, mich als Feministin zu bezeichnen. Für mich ist Feminismus das Bestreben, der Abwertung von Weiblichkeit entgegenzuwirken. Feminismus bedeutet für mich aber auch Bewusstsein über Privilegien: Sexismus schadet fast allen in irgendeiner Form, aber unterschiedlich stark. Dieses Bewusstsein müssen wir nutzen, indem wir unsere Privilegien als Verantwortung wahrnehmen. Wenn ich als weisse, junge Mittelklasse-Frau mehr Aufmerksamkeit erhalte als etwa eine Transfrau mit Migrationshintergrund, liegt es an mir, ihr Gehör zu verschaffen und mir bewusst zu sein, dass ich von meinen Privilegien – ob ich will oder nicht – profitiere.

 

Und welche Verbindung siehst du zwischen Feminismus und den Anliegen der LGBT-Community?

Ich halte die Diskriminierung queerer Menschen für sehr sexistisch: Uns kommt Hass entgegen, weil wir der Geschlechternorm nicht entsprechen. Diese festgefahrenen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit gewährleisten sexistische Hierarchien. Dass Geschlecht total fluid, komplex und zu einem riesigen Teil sozial konstruiert wird, macht da natürlich einige sehr wütend. Nicht zuletzt die, die von der bisherigen Hierarchie profitieren. Deshalb muss LGBT-Aktivismus feministisch sein: Wir kämpfen dagegen an, dass Weiblichkeit abgewertet wird, und verlangen, dass Geschlecht uns bei keinem Ziel oder Wunsch im Weg steht.

 

Photocredit: Serena Schindler

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