HEROINE

Feministin von Kopf(tuch) bis Fuss

unsere #heroine Kübra Gümüsay

Rahel Fenini

Kübra ist Feministin. Kübra ist Journalistin und Aktivistin. Und Kübra ist Muslimin. Im Interview mit fempop sprach die gebürtige Hamburgerin mit türkischen Wurzeln über die Bezeichnung „islamische Feministin“, Intersektionalität und die Macht des Internets.

Photocredit: Elif Kücük

 

In ihren Texten (u. a. für Die Zeit und die Taz) und Talks widmet sich die 29-Jährige Kübra Themen wie Internet, Feminismus, Rassismus, Politik und dem Islam. Inoffiziell beschreibt sich die Journalistin und Aktivistin jedoch eher als „ehemalige intellektuelle Putzfrau“, die Jahre damit verbrachte, den gedanklichen Müll, den Menschen unserer Gesellschaft in die Welt gekippt hatten, weg zu räumen, indem sie gegen deren rassistische und sexistische Statements vorging. Doch Kübra gab sich nicht zufrieden mit reiner „Schadensbegrenzung“, sondern begann ihre eigenen Debatten zu lancieren. 2013 initiierte sie den Hashtag und die Aktionsgruppe #SchauHin gegen Alltagsrassismus, 2016 folgte der Hashtag #Ausnahmslos gegen Sexismus und Rassismus. In kürzester Zeit wurde dieser zum Trending Topic bei Twitter in Deutschland. A true #heroine’s work.

 

 

Gibt man deinen Namen bei Google ein, springt einem sogleich die Bezeichnung „islamische Feministin“ entgegen. Würdest du dich selbst als solche bezeichnen?

Ich wurde immer wieder als „islamische Feministin“ bezeichnet und tat es dann auch selber. Irgendwann merkte ich jedoch, dass dies mehr eine Fremddefinition ist als eine Selbstdefinition - ein externer Versuch, mein Schaffen und meine Person zu bestimmen. Zudem wurde mir bewusst, dass sich mein Handeln nicht wirklich von dem meiner nicht-muslimischen, feministischen Freundinnen unterscheidet. Obwohl ich als Mensch meine Motivation und Energie unter anderem aus meiner Religion beziehe, macht dies mein politisches Handeln nicht zu einem islamischen Handeln. So ist mein Einsatz für Demokratie kein Einsatz für eine islamische Demokratie, mein Einsatz für unsere Umwelt kein Einsatz für eine islamische Umwelt. Ich bin also ganz einfach Feministin und als solche möchte ich wahrgenommen werden. Einzig in der Auseinandersetzung und im Gespräch mit anderen Muslim_innen, in denen wir uns auf den Koran und dessen Interpretationen beziehen, finde ich die Bezeichnung „islamische Feministin“ passend, denn in diesen Momenten ist die Argumentationsgrundlage eine andere.

 

In den Augen vieler passen Islam und Feminismus nicht zusammen. Die Kombination der beiden wird oft als Widerspruch angesehen. Was antwortest du Menschen, die dich fragen: Wie kannst du als Muslimin denn überhaupt Feministin sein?

Ob Islam und Feminismus zusammen passen, hängt stark vom jeweiligen Feminismus- und Islamverständnis ab. Sowohl der Feminismus als auch der Islam bieten unterschiedliche Umsetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten, die wiederum bestimmen, ob die beiden kompatibel oder inkompatibel sind.

Wenn Feminismus als Ideologie verstanden wird, die ein ganz spezifisches Leben für Frauen vorsieht, die vorschreibt, wie emanzipiert eine Frau zu sein hat – und auf der anderen Seite der Islam für eine patriarchale, sexistische Lebensführung instrumentalisiert wird, dann sind beide tatsächlich inkompatibel. Wird Feminismus jedoch als Bewegung verstanden, die zum Ziel hat, die Wahlfreiheit für verschiedene Lebenskonzepte und –stile zu erkämpfen und die Gewährleistung dieser Freiheit im Zentrum steht – und man den Islam als Grundlage für das Streben nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verwendet, dann können Feminismus und Islam durchaus im Einklang sein.

 

Was lösen solche Fragen in dir aus? Wir können uns gut vorstellen, dass es nicht angenehm ist, immer erklären zu müssen, wieso du – als islamische Frau - Feministin sein kannst.

Diese Fragen sind eine ewige Begleitung. Zum einen finde ich es herabwürdigend, wenn ein Mensch, der sich für Gleichberechtigung engagiert, immer wieder erklären muss, wieso sie oder er das überhaupt tun kann. Die Tatsache, dass ein solcher Einsatz gezeigt wird, muss doch ausreichen. Zum anderen zeigen Fragen wie „Wie kannst du als Muslimin Feministin sein?“ oder „Wie kannst du als Muslimin so selbstbewusst sein?“, dass Personen unserer Gesellschaft ein sehr starres Bild von Muslim_innen haben und ich mit meiner Person und der Art, wie ich bin, nicht in diese bestimmte Kategorie passe. Die Zeit, die ich dann damit verbringe, mich verständlich zu machen und zu erklären, wieso dies durchaus möglich ist, könnte ich eigentlich dafür nutzen, ich selbst zu sein.

 

Welche Anliegen liegen dir als Feministin besonders am Herzen?

Ich bin ganz klar eine intersektionale Feministin. Dieser Punkt prägt massgeblich meine feministischen Anliegen sowie mein Handeln. Als intersektionale Feministin versuche ich in jedem Gedankengang zu überlegen, welche anderen gesellschaftlichen Dynamiken oder Diskriminierungsformen nebst Sexismus in einer Situation noch mitspielen könnten. So versuche ich Faktoren wie Homophie oder Rassismus immer auch zu berücksichtigen.

 

Da ist es wieder – das Zauberwort „Intersektionalität“ – für viele ein Zungenbrecher, ein Fremdwort. Wie würdest du dieses Konzept unseren Leser_innen erklären und wo siehst du die Stärken von intersektionalem Feminismus?

Ein einfaches Beispiel wäre: Eine schwarze Frau wird auf der Strasse belästigt.

Nun kann es unterschiedliche Gründe für die Belästigung geben: a) die Frau wird belästigt, weil sie eine Frau ist, b) die Frau wird belästigt, weil sie schwarz ist, oder c) die Frau wird belästigt, weil sie eine schwarze Frau ist.

Im intersektionalen Feminismus geht es genau darum, dieses Zusammentreffen von unterschiedlichen Diskriminierungsformen (hier: Diskriminierung auf Grund des Geschlechts und auf Grund der Hautfarbe) zu bedenken. Der Sexismus, den eine weisse, privilegierte Frau erfährt, ist ein anderer als der, den eine kürzlich nach Deutschland oder in die Schweiz geflüchtete Frau erfährt, die der Sprache nicht mächtig ist und sich deshalb in der Gesellschaft noch keinen angesehenen Status sichern konnte. Dasselbe gilt beispielsweise für jüdische Frauen, muslimische Frauen oder queere Menschen.

Alle diese Faktoren müssen in der Arbeit für eine freiere, gerechtere Gesellschaft berücksichtigt werden. So entstehen andere, nachhaltigere Lösungen. Wird dies nicht getan, müssen wir uns die Frage stellen: Für wen steht der Feminismus dann noch? Einzig und allein für die weisse, gut positionierte Frau ohne Behinderungen, die heterosexuell ist?

 

2016 hast du mit anderen Feministinnen den Hashtag #Ausnahmslos als Reaktion auf die Silvesternacht 2015/2016 in Köln initiiert. Was war das Ziel, der Grundgedanke hinter dem Hashtag?

Im Gegensatz zum 2013 kreierten Hashtag #SchauHin gegen Alltagsrassismus, der zum Ziel hatte, eine gesamtgesellschaftliche Realität sichtbar zu machen, das heisst auf einen gesamtgesellschaftlichen Missstand hinzuweisen, indem eine Debatte ins Leben gerufen wurde, reagierte der Hashtag #Ausnahmslos auf eine bereits bestehende Debatte. In den Tagen und Wochen nach der Silvesternacht in Köln wurden feministische Anliegen – wie eben sexualisierte Gewalt – von Rechtspopulist_innen instrumentalisiert, um einzelne Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren. Plötzlich also – als die Täter die vermeintlich „Anderen“ waren, die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer – wurde sexualisierte Gewalt öffentlich thematisiert und verdammt. Der Hashtag fungierte als eine Intervention, um zu sagen: Wir sind ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt, aber auch gegen Rassismus. Immer. Überall. Der Einsatz gegen das Problem Sexismus und sexualisierte Gewalt muss konsequent sein und darf beispielsweise nicht ausschliesslich islamisiert und damit pauschal den Angehörigen einer Religion zugeschrieben werden. So werden auch die Verantwortlichkeiten für diese Missstände abgeschoben auf die „Anderen“ – dabei können wir diese Missstände nur gemeinsam nachhaltig bewältigen.

 

Welche Kraft und Wirkung würdest du diesem, aber auch anderen Hashtags und dem Internet im Generellen zuschreiben?

Der Einsatz von Hashtags bietet unterschiedliche Möglichkeiten. So kann, wie beim oben genannten Beispiel, in eine bereits bestehende Debatte interveniert werden, oder es können „neue“ bzw. unsichtbare Themen auf die mediale Agenda gesetzt werden. Durch einen „trending“ Hashtag wird Aufmerksamkeit ausserhalb der bekannten Zirkel generiert und es werden Menschen auf ein Thema aufmerksam gemacht, die sich zuvor noch nicht mit diesen Sachen auseinandergesetzt haben. Mit dem Verwenden des Hashtags erhalten diese Personen die Chance, ihre Meinung offen kund zu tun. Das Internet im Generellen bietet die Möglichkeit, dominante Herrschaftsstrukturen zu umgehen und für die eigenen Anliegen einzustehen. Auch im Feminismus gibt es solche dominante Strukturen und vermeintliche Meinungsführer_innen, die feministische Debatten für sich beanspruchen, sodass andere gar nicht zu Wort kommen können. Im Internet kann man ohne die Erlaubnis irgendwelcher mächtiger Menschen selbst zum bzw. zur Meinungsmacher_in werden. Das ist der Vorteil, die Kraft des Internets. Aber wie alles ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert und kann von Menschen missbraucht werden, die Hassreden verbreiten, sich radikalisieren und sich mit ihrem Gedankengut immer mehr vom gesellschaftlichen Konsens entfernen. Nebst der Zelebrierung ist also auch Vorsicht geboten.

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