FASHION

Mode mit Konzept

Cécile Moser

Jessica Dettinger stellt mit ihrem Fashion-Label «Form of interest.» gesellschaftliche Normen und Strukturen in Frage und verarbeitet dieses künstlerisch. Sinnlose Konsum-Objekte ohne konzeptuelle Bedeutungsebene kommen bei der Feministin nicht an die Stange. Ultra Violet als mystische Farbe und Hexen haben sie derweil auch schon begleitet.

 

Welche Assoziationen schwingen bei dir bei der Farbe Ultra Violet mit?

Für mich ist Violet, oder Lila, eine sehr mystische Farbe, die ich mit Intuition, Kreativität und nicht Sichtbarem in Verbindung bringe. Ich empfinde sie als sehr machtvoll und mutig. Das Farbspekturm von Ultra Violet hat etwas geheimnisvoll Distanziertes und gleichzeitig Rebellisches.

 

Deine Kollektion „We Are The Daughters Of The Witches You Did Not Burn“ von 2017 zeigt ebenfalls ultra violete Elemente. Zufall, oder hast du den Pantone-Trend gerochen?

Generell richte ich mich nicht nach Trends, ich nehme sie nicht wirklich wahr. Dass ich für meine doch sehr feministische Unisex Kollektion die Farbe Violet gewählt habe, war eher Zufall. Kreativität ist ein Prozess, der permanent passiert und somit ist es oft unerklärlich, warum man sich für Dinge entscheidet. Aber es ist wohl eine sensible, empathische Feinfühligkeit, die mich unbewusst leitet und mich Dinge kombinieren lässt, die zu einem späteren Zeitpunkt Sinn machen.

 

Deine Mode ist Unisex. Wie ordnest du die Kategorie Gender ein?

Generell denke ich nicht in der Kategorie Geschlecht und habe kein genderspezifisches Verständnis von Schönheit. Zu oft verwechselt man die sexuellen Geschlechtsmerkmale der Menschen mit dem Wort Gender. Gender bezeichnet ja die gesellschaftlich verankerten Vorstellungen über Weiblichkeit und Männlichkeit. Meine Vorstellung von Unisex bezieht sich nicht nur auf Kleidung, sondern auch auf diese sozialen Konstrukte, und die absurden leichtfertigen Formulierungen, was denn typisch Mann, oder typisch Frau ist. Ich bin davon überzeugt, dass in jedem Menschen etwas Männliches und Weibliches steckt. Unisex ist somit Kleidung, die sowohl Mann auch als Frau befähigen soll, fern der äusserlichen Kategorisierung sich als Mensch frei zu entfalten.

 

Was inspiriert dich zudem für deine Designs und Kollektionen?

Mich inspirieren vor allem philosophische und gesellschaftsorientierte, sozialkritische Bücher. Das Individuum, neue Medien und ihre Verortung in der heutigen Gesellschaft stehen bei meiner Arbeit im Mittelpunkt. Generell bin ich von Fremdheit, Seltsamkeit, Andersartigkeit, Kunst, insbesondere dem Dadaismus, und dem Unerwarteten inspiriert. Disharmonie und die leisen Zwischentöne erwecken meine kindliche Neugier.

 

In deiner letzten Kollektion ging es auch um Hexen. Wie kam es dazu? Was fasziniert dich an der Geschichte der Hexe?

Das Geheimnisvolle an ihr fasziniert mich. Die Möglichkeit ausserhalb einer Komfortzone zu sein, sich in andere Welten zu träumen und Zugang zu mehr als der greifbaren Realität zu empfinden, finde ich äusserst schön und spannend. Hexen strahlen für mich eine Magie, eine Mystik aus. In meiner Vorstellung verursachten Hexen Reibung in der sonst so konformistischen Gesellschaft - wie viele andere Menschen früher, die sich mit Dingen beschäftigten, die der rationale Verstand nicht begreifen konnte. Rein äusserlich könnte man mich heute wohl auch in die Kategorie der Hexe stecken, weil ich meistens Schwarz trage, um hinter meine Arbeit zu treten.

 

Deine Mode ist konzeptuell. Was heisst das für dich genau, wie gehst du vor?

Meine Kollektionen entstehen aus einer oft sehr gesellschaftsorientierten Geschichte, im Erspüren der Zeit und ihren Veränderungen. Anhand von Moodboards, Notizen und Skizzenbüchern baue ich mir eine Welt zusammen, aus der dann die jeweilige Kollektion entsteht. Die Idee, sprich der Gedanke, und die Aussage stehen im Vordergrund. Es ist eine strategische Herangehensweise, in der Unerwartetes passiert und vieles erst einmal auf einer Metaebene funktioniert. Diese Metaebene wird dann langsam in eine ästhetische Erkennbarkeit übersetzt. Konzeptionelles Design hat wenig mit Ästhetisierung und Styling zu tun, sondern mit dem Mut die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft durch ein gedankliches Gerüst zu verbinden.

Die ästhetische Komponente kommt erst an zweiter Stelle. Ich bin gelangweilt von „sinnlosen“ Produkten, die nur den Konsum anfeuern und „stylisch“ sind.

 

Welche Karriere-Ziele hast du noch?

Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir das Wort Karriere nicht, da es so leistungsorientiert ist. Die Dinge, die ich mit dem Label – aber auch generell – mache, tue ich ohne Erfolgserwartungen. Natürlich habe ich ein Bild davon, was ich gerne noch machen würde und wo ich mich in ein paar Jahren sehe, aber eigentlich lebe ich im Hier und Jetzt. Da ist mein „Karriere-Ziel“ mit offenen Augen die Dinge anzunehmen und sich jeden Tag ein Zeil zu setzen. Mein Opa sagte immer „Jessica, du wirst einmal Professorin“ und tatsächlich ist dies ein Feld, das mich sehr interessieren würde.

 

Nebst Designerin, Künstlerin und Dozentin bist du auch Feministin. Wann und wie hat sich dieses Bewusstsein entwickelt?

Ich war schon immer ein Mensch, der sich für Andersartigkeit und Menschlichkeit eingesetzt hat. Sehr früh musste ich erfahren, wie schwer es ist als Frau, oder auch als Mädchen, auf Grund der eigenen Persönlichkeit und nicht auf Grund des Äusseren wahrgenommen zu werden. Durch meine nicht-konformistische, liberale Mutter musste ich jedoch nie lernen, wie man sich in einer Gesellschaft mit klassischen Rollenbildern anpasst. Ich konnte einfach sein, wie ich wollte. So gesehen bin ich vermutlich schon seit meiner Pubertät Feministin. Die Reibung mit gesellschaftlichen Normen und Erwartungen kam erst in der Schule oder auch im Studium, wo man nicht verstand, warum mir andere Dinge wichtiger sind, als mich für einen Mann „sexy“ anzuziehen. Feminismus ist für mich also  Akzeptanz gegenüber Menschen und das tägliche Vorgehen gegen Machtbestreben, blinden Gehorsam und Rollenklischees. Zudem sollte ein neuer Feminismus alle Menschen miteinbeziehen – und nicht nur Frauen.

 

Welche Botschaft hast du an den grauen, weissen, alten Patriarchen?

Ich würde ihm zuhören und ihm meine Aufmerksamkeit schenken. Ich bin der Überzeugung, dass empathisches Zuhören Herzen öffnen kann. Es geht um ein „Ich höre dich – auch wenn ich deine Meinung nicht immer teile“. Vielleicht würde ich ihn aber auch nur lange umarmen, bis er weinen muss.

 

info@fempop.ch