DESIGN

Die Weltreise im Wohnzimmer

Cécile Moser

Israel, Türkei, Marokko und Ägypten: Ein Blick in hiesige Wohnzimmer gleich nicht selten der Trouvaillen-Sammlung einer Weltreise. Ob Kissen, Muster, Textilien oder Geschirr – der Design-Bereich ist stark beeinflusst von Ethno- und Boho-Elementen aus fremden Kulturen und bringt Exotisches ins traute Heim.

 

Stickereien, Pompoms, wilde Muster wie Animalprints und ein bunter Farbmix: Motive, die im Design-Bereich stets wiederkehren und die Wohn-Kollektionen fest im Griff haben. Man denke etwa an Berber-Teppiche, buntes Geschirr, Leder-Puffs oder geflochtene Korb-Elemente. Umgehend fühlt man sich angezogen von den bunten und aussergewöhnlichen Begleitern und hat das Gefühl, ein Stück dieses faszinierenden Orients bei sich im Wohnzimmer zu haben. Und dabei muss man diese Länder gar nicht mehr bereisen, um an die Stücke zu gelangen, denn heute bieten auch IKEA und Co. Wohnkollektionen im exotischen gipsy oriental style an.

 

Doch woher stammen diese exotischen Elemente eigentlich, weshalb faszinieren sie und warum sind diese Orientalismen stets so präsent? Diese Einflüsse aus fremden Kulturen und Ländern stammen nicht selten gar von Urvölkern oder Stämmen und haben deswegen oft auch rituellen Charakter oder symbolisieren Traditionen. So tragen sie kulturelle Codes mit sich, die wir indes häufig gar nicht oder nur am Rande kennen. Somit ist man sich auch oft nicht bewusst, was man eigentlich konsumiert. Diese Form des sich Aneignen traditioneller oder ritueller Elemente aus fremden Kulturen nennt man im Fachjargon „Cultural Appropriation“, zu Deutsch kulturelle Aneignung“ und wird aufgrund oben genannter Gründe nicht nur mit offenen Armen empfangen.

 

Iris Apfel: Stilikone mit Weitblick

Dass damit aber auch ein lustvoller und kreativer Umgang im Design- und Wohnbereich möglich ist, führt uns etwa Iris Apfel vor Augen. Oft nur bekannt für ihre schrillen Outfits und Exkurse in die Modewelt, arbeitet die gebürtige New Yorkerin hauptberuflich lange Zeit als Innenarchitektin, ja hatte gar eine eigene Textilfirma und verschönerte Häuser und Heime mit ihren exotischen Trouvaillen, denen sie auf ihren Reisen begegnete. Die heute 96-Jährige schafft es wie kaum eine Zweite, den perfekten Interior-Mix zwischen Modernem, Traditionellem und Exotischem zu schaffen. Dies dürfte ihr vermutlich gelungen sein, weil sie die Objekte von fremden Orten nicht nur kaufte und konsumierte, sondern auch verstand, schliesslich verbrachte sie viel Zeit auf Reisen, setzte sich intensiv mit den Menschen vor Ort und ihren Kulturen auseinander.

Lustvoller Umgang mit Respekt

Nach und nach haben diese Elemente ihren Weg in den westlichen gestalterischen Bereich gefunden. Denn nicht selten reisen Designer um die Welt, lernen von fremden Kulturen und lassen sich von genau solchen Traditionen inspirieren, um kreativ zu werden – siehe Frau Apfel. Schliesslich ist eine lustvolle und gleichzeitig reflektierte Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und ihren ästhetischen Traditionen durchaus erlaubt, ja geradezu reizvoll. Wer kennt die Konstrukte und im Kopf kursierenden Bilder von exotischen Ländern, 1001 Nacht, Schlangenbeschwörern, Souks, Gewürz-Märkten, Sultan-Pälästen oder Harems? Wer sich dessen Konstruktionscharakter bewusst ist und respektvoll damit umgeht, darf sich dem durchaus auch annehmen. Schliesslich war das Fremde und Unbekannte schon immer Faszinosum und Angst zugleich. Wer sich bewusst wird, wie sehr fremde Kulturen gerade auf solche Weise – von der Gastronomie ganz zu schweigen - in unserem Alltag präsent sind, dürfte denn hoffentlich auch in anderen Fragen diesbezüglich etwas offener werden.

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