FASHION EDITORIAL

Drag –

wenn Korsetts befreien

Rahel Fenini

Spätestens seit „RuPaul’s Drag Race“ und Conchita Wursts Sieg beim Eurovision Song Contest sind wir mit ihnen vertraut: den Drag Queens. Die wunderschönen Figuren, die uns mit ihren durchdachten Looks, dem perfekten Make-up und ihrer Attitude beeindrucken. Doch was ist Drag genau und welche Bedeutung hat er für die Queens? Welche Rolle spielt Mode dabei? Die Zürcher Drag Queens Agyness Champagne und Ennia Face verraten uns mehr.

 

 

Drag Queens erobern die Popkultur. Nebst ihren Auftritten bei „RuPaul’s Drag Race“, tanzen die Queens mit Miley Cyrus bei den MTV Video Music Awards 2015 auf der Bühne oder unterstützen die Englische Girlband Little Mix in ihrem Clip zum Song „Power“. Was als relativ neues Pop-Phänomen erscheint, hat eine lange Geschichte.

Schon im 16./17. Jahrhundert, als kein anderer als William Shakespeare die Menschen mit seinen Geschichten faszinierte, kleideten sich Männer in Frauenkleider. Zu dieser Zeit war es Frauen nämlich verboten Theater zu spielen, sodass die Schauspieler kurzerhand in Röcke schlüpften und auch die weiblichen Parts übernahmen. Gewisse Zungen behaupten sogar, dass auch der Begriff „drag“ seinen Ursprung im Kontext des Theaters fand. „To drag“, was soviel wie „hinterher ziehen“ bedeutet, soll das Gefühl der Männer beschrieben haben, die sich plötzlich in langen, dem Boden nachschleifenden, Röcken wiederfanden. Doch auch nachdem es Frauen erlaubt wurde auf der Bühne zu performen, blieb die Tradition von Männern in Frauenkleidern bestehen.

So ergriff zum Beispiel in den 1920er Jahren der sogenannte „Pansy Craze“ Städte wie New York, London, Berlin und Paris. Männer in Frauenkleidern traten in Clubs und Undergroundbars auf und sprengten mit ihrem Auftritt und Aussehen die Gendernorm. Sie kreierten ein eigenes Unterhaltungsgenre und Lieder, die bis heute noch bekannt sind. Viele Jahre – und viele Männer in Frauenklamotten – später ist Drag noch immer ein Phänomen. Drag: Eine Kunstform, die uns erinnert, dass es zwischen den scheinbaren Polen von Frau und Mann noch so viel anderes gibt. Eine Kunstform, die mit den scheinbaren Grenzen von Geschlecht und Sexualität spielt und neue, fantastische Personae hervorbringt. So wie Agyness Champagne und Ennia Face, die uns im Interview mehr über sich, die Bedeutung von Drag und Mode erzählen.

 

Agyness (A) und Ennia (E), was könnt ihr unseren Leser_innen über euch erzählen?

A: Ich bin Agyness Champagne, wohne in Zürich und arbeite mehrheitlich an den Wochenden als Lip-Sync Performerin und Host.

E: Und ich bin Ennia Face, 180-220 cm gross – je nach Schuhmodell –, Disneyland-Fan und Erdbeer-Liebhaberin.

 

Wie seid ihr zum Drag gekommen?

E: Als ich zum ersten Mal zum Drag kam, war ich noch in meiner Lehre. Im T&M, Zürichs berühmtestem Schwulenclub, der heute leider geschlossen ist, wurden damals per Flyer „neue Knochen“ für Drag gesucht. Ich meldete mich an und wurde sofort angenommen. Daraufhin wurde mir alles beigebracht: vom Bühnen Make-up bis hin zum Geheimtipp für die besten Strumpfhosen der Stadt. Einige Monate, Shows und Hangovers später musste ich leider schon wieder mit Drag aufhören, um mich auf die Lehrabschlussprüfung vorzubereiten. Erst 2014 habe ich mich dann wieder mit neuer Inspiration, Motivation und Lust in Heels, Perücken und Glamour-Fummel gestürzt.

A: Ich habe ein gutes Jahr später, im 2015, mit Drag begonnen. Ich war schon immer fasziniert vom Thema und den Möglichkeiten, die dir diese Kunstform bietet. Während meiner Make-up Ausbildung habe ich dann selbst mit Drag angefangen – inspiriert von den Queens Miss Fame und Conchita.

 

Was bedeutet Drag für euch?

E: Drag Queen zu sein, ist für mich das genialste Hobby überhaupt. In Drag vereine ich alles, was ich liebe: Schauspielerei, Fashion, Styling, Make-up, Gesang, Humor, Lebensfreude, Entertainment und ... Alkohol. Auch wenn ich mich für Drag einenge, zusammenquetsche und zubinde, ist es extrem befreiend. Ich finde Dinge über mich selbst heraus, die ich vorher nicht wusste und entdecke den Mut, Sachen zu tun oder zu sagen, die ich vorher nie in Erwägung gezogen hätte.

A: Für mich bedeutet Drag die Verwandlung in eine andere Person, in einen anderen Charakter. Drag ist das weibliche Ich. Ich bin mir bewusst, dass ich eine feminine Art an mir habe und finde es extrem spannend, diese Seite auszuleben.

 

Könntest du dir denn vorstellen, für immer dieses weibliche Ich zu sein?

A: Vorgestellt habe ich mir das sicher auch schon, ja. Ich habe aber gespürt und gemerkt, dass ich mich wohl fühle in meinem männlichen Körper. Drag gibt mir die Chance, mich nicht für ein Geschlecht entscheiden zu müssen und nach Lust und Laune auch einmal Frau zu sein.

 

Welche Botschaft möchtet ihr euren Mitmenschen mit Drag vermitteln? Ist es pures Entertainment oder steckt mehr dahinter?

E: Botschaft vermitteln? Jesses, ich bin nur schon froh, dass man mich erträgt (lacht). Nein, mal ehrlich. Ich weiss es tagtäglich zu schätzen, dass ich in einer Zeit und Gesellschaft lebe, in der für meine Passion auch Platz und Nachfrage besteht. Meinen Mitmenschen möchte ich vor allem eines bringen: pure Freude.

A: Meine Botschaft wäre wohl: Fühl dich wohl und tu das, was für dich selber stimmt.

 

Fashion und Drag gehen Hand in Hand. Welchen Stil habt ihr?

A: Ich habe einen sehr vielfältigen Stil. Vom Street-Style mit Jeans bis hin zu sehr viel Glam wie eine richtige Hollywood-Diva – Fashionista halt (lacht). Für mich ist es extrem wichtig, dass ich mich wohl fühle und mein Look für mich stimmt. Wenn den Leuten mein Auftreten nicht gefällt, ist das auch in Ordnung. Mir gefällt es und das ist das Wichtigste.

E: Ich möchte mich auch nicht auf einen bestimmten Stil festlegen, dazu macht mir die Vielseitigkeit der Mode zuviel Spass. Ich bleibe nur einer Sache treu: mir selbst.

Ich möchte mir selber nicht den „Fashion-Weg“ verbauen und etwas nicht anziehen, weil es nicht meinem Stil entspricht. Wenn ich Lust habe etwas zu tragen, dann tu ich das.

 

Und welche Macht hat Mode für euch? Das Statement „The Power of Fashion“ scheint beim Drag perfekt zu passen.

A: Mit Mode kann ich mich ausdrücken. Meine Art, mein Wesen kann ich durch die Kleider, die ich trage unterstreichen und hervorheben. Im Drag gibt mir Mode natürlich die Möglichkeit, in die Rolle von Agyness zu schlüpfen – von Kopf bis Fuss sie zu werden. Mit jedem Kleidungsstück, mit jedem Pinselstrich und mit dem Aufsetzen der Perücke vollzieht sich die Verwandlung – bis ich vollkommen sie bin. Da hat Mode schon eine grosse Macht.

E: Meine Mode hat oft zu wenig Kraft. Das sieht man an den ganzen geplatzten Nähten rund um die Bauchregion. Am meisten Kraft haben meine stahlverstärkten Korsetts. Oder meint ihr die unsichtbare Kraft so wie die Macht bei Star Wars? Da hat Mode eine grosse Macht über mein Portemonnaie (lacht).

Nein im Ernst: Mode kann der Anstoss zu Skandalen sein und politisch hohe Wellen schlagen. Mode kann dich aber auch befreien, dich emanzipieren.

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