FASHION EDITORIAL

There’s more to our fashion, baby!

Rahel Fenini

Wenn Vanessa Hudgens, Selena Gomez oder Katy Perry auf Festivals, Konzerten oder in Videoclips ihre neuen edgy, alternativen Looks und Hairstyles präsentieren, jubeln ihnen viele modebegeisterte Fans zu. Doch während die Likes in die Höhe schnellen, Cornrows geflochten werden und im Claire’s die Aufkleb-Bindis im Sekundentakt über die Ladentheke gehen, sind wir uns oft nicht bewusst: die neuen Trends sind so viel mehr als nur ein Stück Mode.

 

Das Coachella Valley Music and Arts Festival – oder ganz einfach „Coachella“ – zieht seit 1999 jährlich mehrere Zehntausend Besucher_innen nach Indio, Kalifornien. Kaum ein anderes Festival wird in den (sozialen) Medien so sehr rezipiert wie das Wüstenfestival, das hochkarätige Bands und Künstler_innen mit Promis von A bis C unter der kalifornischen Sonne vereint. Letzteren ist nebst der Musik sicher eines genauso wichtig: die Mode. Immer mehr wird das Festival zum dreitägigen Runway, auf dem die neuesten Trends und Looks präsentiert werden. Ganz im Sinne von: It’s more about the fashion than the music, baby!

 

Die Zauberformel für den perfekten Coachella-Look bleibt jedoch Jahr für Jahr relativ gleich ... und ebenso simpel: Knappe Shorts werden mit noch kürzeren Tops oder Band-Shirts und wallenden durchsichtigen Kimonos kombiniert. Für das gewisse Etwas werden Bindis auf die Stirn geklebt, Henna auf die Hände gemalt und das Haar mit indianischem Federschmuck geschmückt. Doch während Vanessa Hudgens für solche Outfits fast jährlich zur inoffiziellen „Queen of Coachella“ gekürt wird und wir uns von ihren Looks fürs nächste Züri-Openair inspirieren lassen, vergessen wir oftmals, welche Bedeutung das Entlehnen kultureller und historischer Symbole überhaupt haben kann. Deshalb finden wir: Let’s talk about fashion, baby!

Kulturelle Aneignung – aus dem Englischen „cultural appropriation“ – bezeichnet den Prozess, bei dem Angehörige einer machtvollen, privilegierten Kultur Symbole, Kleidungsstücke, Musik, usw. einer anderen - oft marginalisierten, das heisst ausgegrenzten - Kultur übernehmen.

Dabei werden vor allem heilige oder äusserst bedeutungstragende Symbole angeeignet und zu modischen, coolen Elementen im Mainstream gemacht. Ihre ursprünglichen Bedeutungen gehen dabei oft verloren oder werden in einen über-stereotypischen Kontext gesetzt.

So sind zum Beispiel Bindis – Segenssymbole, die vor allem verheiratete Frauen in Indien tragen und somit Teil ihrer kulturellen und religiösen Identität sind – getragen von weissen Popstars wie Selena Gomez, Madonna oder Gwen Stefani, plötzlich schicke und exotische Accessoires. Auch in den Videoclips von Katy Perry begegnen wir immer wieder kulturellen und religiösen Symbolen. In ihrem Clip zum Lied „This Is How We Do“ erscheint die Sängerin mit Cornrows, wie sie oft von afro-amerikanischen Frauen und Männern getragen werden. Zudem imitiert sie die Art, wie sie meint, dass Afro-Amerikaner_innen sprechen und ruft die Parole der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung „RESPECT“.

Das Problem mit solchen Darstellungen ist nebst ihrer klaren Stereotypisierung die Tatsache, dass Frauen, die Bindis, Saris, Niqabs oder Cornrows als Teil ihrer Kultur tragen, oftmals nicht auf die gleiche Bewunderung treffen wie ihre Imitant_innen. Während weisse privilegierte Personen sich nach Bedarf bei einer fremden Kultur bedienen können, um „cool“ und „aussergewöhnlich“ zu wirken, kämpfen Frauen und Männer dieser Kultur noch immer für Akzeptanz und Toleranz. Dieser Thematik geht die afro-amerikanische Schauspielerin Amandla Stenberg, bekannt durch ihre Rolle in „The Hunger Games“, in ihrem Youtube-Clip „Don’t Cash Crop on my Cornrows“ auf den Grund. Im vierminütigen Video erklärt Amandla, wieso „black hairstyles“ wie Cornrows nicht einfach nur Ausdruck eines persönlichen Styles sind und weshalb es nicht okay ist, sich Teile einer Kultur anzueignen, während die Kultur als Ganzes jedoch ignoriert – wenn nicht sogar verachtet – wird.

 

Nun ist es natürlich nicht immer einfach zu sagen, ob sich die Träger_innen der Bedeutung ihrer Accessoires oder Hairstyles wirklich bewusst sind. Und ob es sich in diesen Fällen um einen spielerischen, kulturellen Austausch auf Augenhöhe handelt oder doch um eine kulturelle Ausbeutung zu kommerziellen Zwecken. Wichtig ist jedoch, sich für die Thematik zu sensibilisieren, sich zu informieren über das, was wir entlehnen und zu überprüfen, wer in unserem System von der kulturellen Aneignung profitiert. ...’cause there’s always more to our fashion, baby!

 

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